Theologie-Systematisch
Spiritualität
Kampf
"Der
gute Kampf ist der, den wir im Namen unserer Träume führen. Wenn
sie mit
aller Macht in unserer Jugend aufflammen, haben wir zwar viel Mut, doch
wir
haben noch nicht zu kämpfen gelernt. Wenn wir aber unter vielen
Mühen zu
kämpfen gelernt haben, hat uns der Kampfesmut verlassen. Deshalb
wenden wir
uns gegen uns selber und werden zu unseren schlimmsten Feinden. Wir sagen,
daß
unsere Träume Kindereien, zu schwierig zu verwirklichen seien oder
nur daher rühr-
ten, daß wir von den Realitäten des Lebens keine Ahnung hätten.
Wir töten unsere
Träume, weil wir Angst davor haben, den guten Kampf aufzunehmen...
Das erste Symptom
dafür, daß wir unsere Träume töten, ist, daß
wir nie Zeit haben...
Die meistbeschäftigten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt
habe, wa-
ren zugleich auch die, die immer für alles Zeit hatten. Diejenigen,
die nichts taten,
waren immer müde, bemerkten nicht, wie wenig sie schafften, und
beklagten sich
ständig darüber, daß der Tag zu kurz sei. In Wahrheit
hatten sie Angst davor, den
guten Kampf zu kämpfen.
Das zweite Symptom dafür, daß unsere Träume tot sind,
sind unsere Gewißheiten.
Weil wir das Leben nicht als ein großes Abenteuer sehen, das es
zu leben gilt, glau-
ben wir am Ende, daß wir uns in dem wenigen, was wir vom Leben
erbeten haben,
weise, gerecht und korrekt verhalten. Wir lugen nur über die Mauern
unseres All-
tags und hören das Geräusch der zerbrechenden Lanzen, riechen
den Geruch von
Schweiß und Pulver, sehen, wie die Krieger stürzen, blicken
in ihre eroberungshung-
rigen Augen. Doch die Freude, die unendliche Freude im Herzen dessen,
der diesen
Kampf kämpft, weil für ihn weder der Sieg noch die Niederlage
zählt, nur der Kampf
an sich, die bleibt uns fremd.
Das dritte Symptom für den Tod unserer Träume ist schließlich
der Friede. Das Le-
ben wird zu einem einzigen Sonntagnachmittag, verlangt nichts Großes
von uns, will
nie mehr von uns, als wir zu geben bereit sind. Wir halten uns dann für
reif, glauben,
daß wir unsere kindischen Phantasien überwunden und die Erfüllung
auf persönli-
cher und beruflicher Ebene erlangt haben. Wir reagieren überrascht,
wenn jemand
in unserem Alter sagt, daß er noch dies oder das vom Leben erwartet.
Aber in Wahr-
heit, ganz tief im Inneren unseres Herzens, wissen wir, daß wir
es in Wirklichkeit nur
aufgegeben haben, um unsere Träume zu kämpfen, den guten Kampf
zu führen...
Wenn wir auf unsere Träume verzichten und den Frieden finden...
erleben wir eine
kurze Zeit der Ruhe. Doch die toten Träume beginnen in uns zu verwesen,
und sie
verseuchen, was uns umgibt. Wir beginnen grausam zu den Menschen um uns
her-
um zu werden, und am Ende richten wir diese Grausamkeit gegen uns selber.
Dann
tauchen Krankheiten und Psychosen auf. Was wir im Kampf vermeiden wollten
-
die Enttäuschung und die Niederlage -, wird zum einzigen Vermächtnis
unserer
Feigheit. Und eines schönen Tages haben die toten und verwesten
Träume die Luft
so verpestet, daß wir nicht mehr atmen können und nur noch
den Tod ersehnen,
den Tod, der uns von unseren Gewißheiten, unseren Sorgen und von
diesem fürch-
terlichen Sonntagnachmittagsfrieden erlöst."
(P. COELHO, Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer Pil-
gerreise nach Santiago de Compostela, Zürich 1999, 68-70)
"Dies ist der schwierigste
Augenblick im Leben eines Menschen: wenn er den
guten Kampf erkennt und sich außerstande fühlt, sein Leben zu
verändern
und zu kämpfen. Denn dann wendet sich das Wissen gegen den, der es
besitzt."
(P. COELHO, Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer Pil-
gerreise nach Santiago de Compostela, Zürich 1999,
188)