Theologie-Systematisch
Theologische Anthropologie
§ 8. Der erlöste und befreite Mensch
Freiheit/systematisch - Texte


Jesus "hat seine Freiheit nicht als Willkür oder als Herrschaft gelebt. Er hat sie als Dienst
gelebt. Auf diese Weise hat er die Freiheit, die sonst 'leere' Möglichkeit bliebe, etwas zu
tun oder zu lassen, mit Inhalt 'gefüllt'. Wie das Leben des Menschen selbst schöpft auch
die Freiheit Sinn aus der Liebe. Denn: Wer ist freier? Der, der sich alle Möglichkeiten vor-
behält aus Angst, sie zu verlieren, oder jener, der sich 'entschlossen' im Dienst müht und
sich so voller Leben wiederfindet durch die Liebe, die er geschenkt und empfangen hat?"


(P. Benedikt XVI., , in: L'Osservatore Romano 27/07, 1)

"Freiheit besteht... darin, sich mit einer Handlung identifizieren zu können und auch
identifizieren zu wollen, sie gern zu tun. Unfreiheit wäre, etwas gezwungen - also nicht
gern, nicht aus eigenem Antrieb - tun zu müssen... Was man gern tut, das hängt davon
ab, wem man sich unterworfen hat - vielleicht etwas weniger anstößig: welche Zuge-
hörigkeit man sich gewählt hat. Der Knecht, der in seinem Knechtsein noch frei ist,
hat sich dazu entschieden, mit seinem Herrn mitzufühlen, ja mitzuwollen. Er will nun
gern, was dieser gern will. Diese Freiheit ist tiefste Unfreiheit, wenn die Herrschaft,
der man sich unterwirft, die zum Bösen ist. Und sie ist unentrinnbar, weil man sich ja
gleichsam ohne innere Distanzierungsmöglichkeit, diesem bösen Herrn ausgeliefert
hat. Man wird zu seinem Komplizen, da einem mit ihm gefällt..., was diesem gefällt.
Der von der Sünde, von der Komplizenschaft mit dem Teufel Verdorbene ist zum frei-
en Tun des Guten unfähig. Ihm gefällt das Böse; so kann ihm das Gute nicht gefal-
len, das er - von der Sünde durchdrungen und in Besitz genommen - gar nicht mit-
wollen, nicht einmal als solches mitfühlen kann...

Der Verdorbene muss aus seiner Verdorbenheit, das Böse gern zu haben und gern zu
tun, befreit werden, soll er zu wahrer Freiheit kommen: dazu, dass er gern das Gute
tut, dass er sich mit ihm identifizieren kann. Er muss befreit werden aus einer Ver-
dorbenheit des Wollens, das beherrscht ist von bösen Neigungen - von der Concupis-
centia -, denen der Mensch nur in der Gnade hinreichend Widerstand leisten kann.
Gnade bzw. Gottes Geist, der in ihr wirksam ist, ermöglichen menschliche Freiheit"


(J. WERBICK, Gott verbindlich. Eine theologische Gotteslehre, Freiburg/Bg. 2007, 463;
mit Bezugnahme auf Augustinus)

"Denn zur Freiheit hat uns Christus befreit (Gal 5,1). Sie realisiert sich als Freiheit
von der Sünde in der Fähigkeit zu wollen, was Gott tut; als Freiheit vom Gesetz im
mündigen Gehorsam des Glaubens; als Freiheit vom Tod im Widerstand gegen die
unser Dasein lähmende und die Liebe hindernde Angst. Schon innerhalb des irdi-
schen Lebens hat sie teil an der Auferstehungsmacht Christi und bewährt dies, indem
sie - gehalten und geleitet durch die Liebe und deshalb jenseits der Alternative von No-
mismus und Libertinismus - auf den Nächsten sich einstellt und für ihn tut, was ihm
hilft. Weil sie alles beurteilt und über alles verfügt, kann sie jede Situation übernehmen,
kommt der Welt zugute, ohne sich an sie zu verlieren, dient dem Leben, weil sie um das
eigene nicht besorgt ist. In ihrer Vollendung wird sich sogar die Sehnsucht der ganzen Schöpfung erfüllen (Röm 8,21)."

(Th. Pröpper, Theologische Anthropologie. Erster Teilband, Freiburg 2. Aufl. 2012, 495)