Der erste
Beitrag "Einheit und Vielfalt der Religionen - Der Ort des christlichen Glaubens
in der Religionsgeschichte"
ist
der einzige, der bereits 40 Jahre alt ist und für die zum 60. Geburtstag
von Karl Rahner erschienene Festschrift
"Gott
in Welt" verfaßt wurde. Das in ihm formulierte Anliegen ist es, vor
jeder genaueren Darlegung des Verhältnis-
ses
des christlichen Glaubens zur Vielfalt der Weltreligionen, zunächst
auf eine differenzierende und ggf. katego-
risierende Betrachtung dieser Religionen zu drängen,
damit diesen auch wirklich Gerechtigkeit widerfahre
(S.
16). Mit großem Recht wird dabei das Verhältnis des christlichen
Glaubens zu den Religionen als höchst ambi-
valent
dargestellt. Während es sich "einerseits mit ihnen in der Einheit
des Bundesgedankens verknüpft"(18) weiß,
kennt
es andererseits "ebenso ein entschiedenes Nein zu den Religionen, sieht
in ihnen Hilfsmittel, mit denen der
Mensch sich selbst gegen Gott absichert, anstatt
sich seinem Anspruch auszuliefern" (19).Denn das
"Christentum
nimmt
in seiner Theologie der Religionsgeschichte nicht einfach Partei für
den Religiösen, für den Konservativen...
(sondern) das christliche Nein zu den Göttern
bedeutet eher eine Option für den Rebellen, der den Ausbruch
aus dem Gewohnten um des Gewissens willen wagt: Vielleicht",
so Ratzinger, "ist dieser revolutionäre
Zug des
Christentums
allzulang unter konservativen Leitbildern verdeckt worden" (19). Entgegen
der Mystik, in welcher
"der
Primat der Innerlichkeit, die Absolutsetzung der geistlichen Erfahrung"
gelte, gehe der (auch christlich) "mono-
theistische Weg... von einer gegenteiligen Überzeugung
aus: hier ist der Mensch das Passiv, an dem Gott handelt,
hier ist der Mensch es, der von sich aus nichts kann, aber hier gibt es dafür ein Tun Gottes,
einen Anruf
von Gott her, und dem Menschen eröffnet
sich so das Heil im Gehorsam gegen den Ruf" (30).
Der zweite
Beitrag "Der christliche Glaube vor der Herausforderung der Kulturen" steht
im Kontext der Gedenkfeiern
des
Jahres 1992 zum "Aufeinandertreffen von Europa und Amerika in den Jahrhunderten
seit 1492" (47). Der in die-
sem
Zusammenhang vielfach - auch innerkirchlich - formulierte Protest gegen das
erobernde Verhalten europäischer
Christen
wirft, so Ratzinger, "letztlich die Frage nach der Wahrheit des christlichen
Glaubens und nach der Rechtmäßig-
keit
der Mission überhaupt auf" (47). Gibt es, so fragt Ratzinger noch
direkter, überhaupt "Wahrheit für den Menschen,
Wahrheit,
die als solche allen zugänglich ist und allen gehört" (48)
und die, so könnte man ergänzen, nicht nur selbst
kulturübergreifend
sondern auch in alle Kulturen vermittelbar ist und überdies vom christlichen
Glauben ausgeht?
Angesichts
der Weite dieser Fragestellung wendet sich der Autor zunächst dem Begriff
der Kultur überhaupt zu. Kultur
als
"die geschichtlich gewachsene gemeinschaftliche Ausdrucksgestalt der
das Leben einer Gemeinschaft prä-
genden Erkenntnisse und Wertungen... ist ein
Versuch, die Welt und in ihr die Existenz des Menschen zu verstehen...,
indem
sie die Beziehung zum Göttlichen" ordnet (50f). Spätestens
freilich, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen
aufeinander
treffen, werden sie dazu gezwungen, sich mit den Erkenntnissen und Wertungen
der anderen auseinander-
zusetzen.
Hierbei kommt im positiven Fall der Öffnung füreinander eine Dynamik
der Universalisierung der Kulturen in
Gang,
auf deren Nährboden "Interkulturalität zu fruchtbaren neuen
Gestalten führen" (53) kann. Dies liegt nach Rat-
zinger
in der Tatsache begründet, dass jeder Mensch im Kern seines Wesens für
die je tiefere Wahrheit ansprechbar
und
offen ist. Der christliche Glaube nun, "wenn er wach und unbestechlich
ist", ist"das Sich-Zeigen derWahrheit selbst
und
darum Erlösung"für den Menschen (55). Hieraus "folgt die
innere Verpflichtung, alle Völker in dieSchule Jesu zu
schicken,
weil er die Wahrheit in Person und damit der Weg des Menschseins ist"
(55f). Der christliche Glaube, der
selbst
Kultur ist (56), verbindet sich mit den unterschiedlichen Kulturen und durchdringt
sie, behält aber seine "über-
greifende
Gestalt" (57) und "erweist sich dann als eine Kraft der Heilung, die
eine neue Mitteschafft und alles wahr-
haft
Menschengemäße, wahrhaft Gottgemäße an sich zu ziehen
vermag" (58).
Ein dritter
und letzter Beitrag des ersten Buchteiles beschäftigt sich hiernach
erneut mit der Frage nach einer Typo-
logie
der Religionen sowie deren Verhältnis zum christlichen Glauben.
Durchaus mit Verweis auf das historische
Geschehen
um die Etablierung des christlichen Glaubens in der religiösen Vielfalt
der antiken Welt wird letzterer
dabei
verstanden, als jene alles umgreifende Wahrheit, die per Offenbarung "von
außen" kommt und alle Religi-
onen
und Weltanschauungen mit ihrem"'aufklärerischen' religionskritischen
Zug" (68) durchdringt. "Der christliche
Glaube (nämlich)...dringt unerbittlich auf
die Wahrheitsfrage und so auf das, was auf jeden Fall alle Menschen an-
gehtund sie miteinander verbindet" (68).
Der erste
Abschnitt des zweiten Buchteiles bezieht sich auf die pluralistische Religionstheologie
und weist auf deren
innere
Widersprüche hin. Insbesondere ist natürlich merkwürdig
und logisch inkonsistent, dass von pluralistischen
Religionstheologen
und deren Anhängern für die eigene relativistische Position ein
Wahrheitsanspruch erhoben wird,
obwohl
mit dieser Position gleichzeitig behauptet wird, dass eine Wahrheitserkenntnis
- zumindest inbezug auf die
Gottesfrage
- letztlich nicht möglich sei. Da wäre es dann schon konsequenter,
im religionswissenschaftlichen und
theologischen
Kontext gleich den Mund zu halten. Als zumindest ebenso lächerlich erscheint
freilich die Rede vom
"Vorrang
der Orthopraxie vor der Orthodoxie" (100ff). Denn woran soll die angebliche
Orthopraxie ihren Maßstab
finden,
wenn eine Orthodoxie angeblich nicht möglich oder zumindest zweitrangig
ist?
Der zweite
Abschnitt des zweiten Teiles kann als der Kern des gesamten Buches bezeichnet
werden, weil nun (endlich)
die
Frage nach der Wahrheit des Christentums frontal angegangen wird.
Religion, so bestimmt Ratzinger zunächst, "ist
gerade dazu da, den Menschen zu seiner Ganzheit
zu integrieren, Gefühl, Verstand und Wille aneinander zu binden
und ineinander zu vermitteln und eine Antwort auf
dieHerausforderung des Ganzen, auf die Herausforderung von Le-
ben
und Sterben, von Gemeinschaft und ich,von Gegenwart und Zukunft zu geben"
(115). Der christliche Glaube
wird
daran anschließend als die in ihrem Gottesverständnis gereinigte,
universalisierte sowie Glaube und Vernunft
in
Übereinstimmung bringende und aus all diesen Gründen "wahre" Religion
entwickelt. Dies findet seine Begrün-
dung
darin, dass - nach Augustinus - das Christentum "seine Vorläufer
und seine innere Vorbereitung in der philoso-
phischen
Aufklärung, nicht in den Religionen" hat. Es "beruht nach Augustin
und nach der für ihn maßgebenden
biblischen Tradition nicht auf mythischen Bildern
und Ahnungen, deren Rechtfertigung schließlich in ihrer politischen
Nützlichkeit liegt, sondern es bezieht sich
auf jenes Göttliche, das die vernünftige Analyse der Wirklichkeit
wahrnehmen
kann... Dies ist gemeint, wenn das Christentum seit
der Areopagrede des heiligen Paulus mit dem Anspruch auftritt, die
religio
vera zu sein" (137).
Der letzte
Abschnitt schließlich geht auf die aktuelle, im wesentlichen durch
J. Assmanns Buch °Moses der Ägypter"
hervorgerufene
Diskussion um den biblischen Monotheismus ein. Ratzinger macht hierzu
darauf aufmerksam, dass
keineswegs
erst und ausschließlich im Namen des biblischen Gottes Gewalt ausgeübt
wurde und wird sowie außer-
dem,
dass die "Wahrheitsfrage nicht erst von 'Mose' erfunden" wurde, sondern
sie stelle "sich notwendig ein, wo das
Bewußtsein
eine gewisse Reifung erlangt" (178). Deshalb bedeute "die Rücknahme
der Mosaischen Unterscheidung
(von
wahr und unwahr)... nicht die Allversöhnung, sondern die Unversöhnbarkeit
des Alls" (179). Die Wahrheitsfrage
sei
schließlich unausweichlich (180), es könne deshalb keine 'Erlösung'
vom Christentum und seiner Sündenlehre
geben
(182). Nur die Wahrheit mache überdies frei, weil sie allein dem Menschen
auf angemessene Weise Orientie-
rung
für sein eigenes Freiheitsverlangen geben könne. Freiheit und
Wahrheit sowie Freiheit und Verantwortung
hängen deshalb unverbrüchlich zusammen.
Alles
in allem bietet das Buch ein überzeugendes Plädoyer dafür,
die Wahrheitsfrage in unserer Gesellschaft nicht
weiterhin
klein- und stattdessen dem unterscheidungslosen Pluralismus das Wort zu reden.
Mit Sicherheit gibt es nur
ganz
wenige Autoren, die auf diesem intellektuellen Niveau den christlichen
Glauben als unverzichtbar auch für
unsere
heutige Gesellschaft aufzuweisen imstande sind.