J. RATZINGER, Glaube-Wahrheit-Toleranz. Das Christentum
und die Weltreligionen,
Freiburg 2. Aufl. 2003;


Diese Buchveröffentlichung des römischen Kardinals und langjährigen Vorsitzenden der Glaubenskommission
ist eine Zusammenstellung verschiedener Vorträge und Aufsätze, die vorrangig im Laufe des vergangenen Jahr-
zehnts entstanden sind. Sie umkreisen auf immer neue Weise das im Titel des Buches genannte, derzeit vieldis-
kutierte Verhältnis des christlichen Glaubens zu den Weltreligionen, und der Autor sucht dabei, das von ihm auch
in vielen anderen Publikationen bereits dargelegte (Selbst-)Verständnis des christlichen Glaubens als einer, ja
als DER dem Menschen Wahrheit und Freiheit eröffnenden Heilslehre plausibel zu machen. Denn - so zitiert er
im Vorwort - "In keinem anderen Namen (als Jesus Christus) ist das Heil zu finden. Denn es ist uns Menschen kein
anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden soll"(Apg 4,12). Eingeteilt ist das Buch
in einen ersten Teil, in welchem die Begegnung des christlichen Glaubens mit Kulturen und Religionen, sowie ei-
nen zweiten Teil, in welchem die Wahrheitsfrage inbezug auf die Religionen selbst zur Diskussion stehen.

Der erste Beitrag "Einheit und Vielfalt der Religionen - Der Ort des christlichen Glaubens in der Religionsgeschichte"
ist der einzige, der bereits 40 Jahre alt ist und für die zum 60. Geburtstag von Karl Rahner erschienene Festschrift
"Gott in Welt" verfaßt wurde. Das in ihm formulierte Anliegen ist es, vor jeder genaueren Darlegung des Verhältnis-
ses des christlichen Glaubens zur Vielfalt der Weltreligionen, zunächst auf eine differenzierende und ggf. katego-
risierende Betrachtung dieser Religionen zu drängen, damit diesen auch wirklich Gerechtigkeit widerfahre
(S. 16). Mit großem Recht wird dabei das Verhältnis des christlichen Glaubens zu den Religionen als höchst ambi-
valent dargestellt. Während es sich "einerseits mit ihnen in der Einheit des Bundesgedankens verknüpft"(18) weiß,
kennt es andererseits "ebenso ein entschiedenes Nein zu den Religionen, sieht in ihnen Hilfsmittel, mit denen der
Mensch sich selbst gegen Gott absichert, anstatt sich seinem Anspruch auszuliefern"
(19).Denn das "Christentum
nimmt in seiner Theologie der Religionsgeschichte nicht einfach Partei für den Religiösen, für den Konservativen...
(sondern) das christliche Nein zu den Göttern bedeutet eher eine Option für den Rebellen, der den Ausbruch
aus dem Gewohnten um des Gewissens willen wagt: Vielleicht", so Ratzinger, "ist dieser revolutionäre Zug des
Christentums allzulang unter konservativen Leitbildern verdeckt worden" (19). Entgegen der Mystik, in welcher
"der Primat der Innerlichkeit, die Absolutsetzung der geistlichen Erfahrung" gelte, gehe der (auch christlich) "mono-
theistische Weg... von einer gegenteiligen Überzeugung aus: hier ist der Mensch das Passiv, an dem Gott handelt,
hier ist der Mensch es, der von sich aus nichts kann, aber hier gibt es dafür ein Tun Gottes, einen Anruf
von Gott her, und dem Menschen eröffnet sich so das Heil im Gehorsam gegen den Ruf" (30).

Der zweite Beitrag "Der christliche Glaube vor der Herausforderung der Kulturen" steht im Kontext der Gedenkfeiern
des Jahres 1992 zum "Aufeinandertreffen von Europa und Amerika in den Jahrhunderten seit 1492" (47). Der in die-
sem Zusammenhang vielfach - auch innerkirchlich - formulierte Protest gegen das erobernde Verhalten europäischer
Christen wirft, so Ratzinger, "letztlich die Frage nach der Wahrheit des christlichen Glaubens und nach der Rechtmäßig-
keit der Mission überhaupt auf" (47). Gibt es, so fragt Ratzinger noch direkter, überhaupt "Wahrheit für den Menschen,
Wahrheit, die als solche allen zugänglich ist und allen gehört" (48) und die, so könnte man ergänzen, nicht nur selbst
kulturübergreifend sondern auch in alle Kulturen vermittelbar ist und überdies vom christlichen Glauben ausgeht?
Angesichts der Weite dieser Fragestellung wendet sich der Autor zunächst dem Begriff der Kultur überhaupt zu. Kultur
als "die geschichtlich gewachsene gemeinschaftliche Ausdrucksgestalt der das Leben einer Gemeinschaft prä-
genden Erkenntnisse und Wertungen... ist ein Versuch, die Welt und in ihr die Existenz des Menschen zu verstehen...,
indem sie die Beziehung zum Göttlichen" ordnet (50f). Spätestens freilich, wenn Menschen unterschiedlicher Kulturen
aufeinander treffen, werden sie dazu gezwungen, sich mit den Erkenntnissen und Wertungen der anderen auseinander-
zusetzen. Hierbei kommt im positiven Fall der Öffnung füreinander eine Dynamik der Universalisierung der Kulturen in
Gang, auf deren Nährboden "Interkulturalität zu fruchtbaren neuen Gestalten führen" (53) kann. Dies liegt nach Rat-
zinger in der Tatsache begründet, dass jeder Mensch im Kern seines Wesens für die je tiefere Wahrheit ansprechbar
und offen ist. Der christliche Glaube nun, "wenn er wach und unbestechlich ist", ist"das Sich-Zeigen derWahrheit selbst
und darum Erlösung"für den Menschen (55). Hieraus "folgt die innere Verpflichtung, alle Völker in dieSchule Jesu zu
schicken, weil er die Wahrheit in Person und damit der Weg des Menschseins ist" (55f). Der christliche Glaube, der
selbst Kultur ist (56), verbindet sich mit den unterschiedlichen Kulturen und durchdringt sie, behält aber seine "über-
greifende Gestalt" (57) und "erweist sich dann als eine Kraft der Heilung, die eine neue Mitteschafft und alles wahr-
haft Menschengemäße, wahrhaft Gottgemäße an sich zu ziehen vermag" (58).

Ein dritter und letzter Beitrag des ersten Buchteiles beschäftigt sich hiernach erneut mit der Frage nach einer Typo-
logie der Religionen sowie deren Verhältnis zum christlichen Glauben. Durchaus mit Verweis auf das historische
Geschehen um die Etablierung des christlichen Glaubens in der religiösen Vielfalt der antiken Welt wird letzterer
dabei verstanden, als jene alles umgreifende Wahrheit, die per Offenbarung "von außen" kommt und alle Religi-
onen und Weltanschauungen mit ihrem"'aufklärerischen' religionskritischen Zug" (68) durchdringt. "Der christliche
Glaube (nämlich)...dringt unerbittlich auf die Wahrheitsfrage und so auf das, was auf jeden Fall alle Menschen an-
gehtund sie miteinander verbindet"
(68).

Der erste Abschnitt des zweiten Buchteiles bezieht sich auf die pluralistische Religionstheologie und weist auf deren
innere Widersprüche hin. Insbesondere ist natürlich merkwürdig und logisch inkonsistent, dass von pluralistischen
Religionstheologen und deren Anhängern für die eigene relativistische Position ein Wahrheitsanspruch erhoben wird,
obwohl mit dieser Position gleichzeitig behauptet wird, dass eine Wahrheitserkenntnis - zumindest inbezug auf die
Gottesfrage - letztlich nicht möglich sei. Da wäre es dann schon konsequenter, im religionswissenschaftlichen und
theologischen Kontext gleich den Mund zu halten. Als zumindest ebenso lächerlich erscheint freilich die Rede vom
"Vorrang der Orthopraxie vor der Orthodoxie" (100ff). Denn woran soll die angebliche Orthopraxie ihren Maßstab
finden, wenn eine Orthodoxie angeblich nicht möglich oder zumindest zweitrangig ist?

Der zweite Abschnitt des zweiten Teiles kann als der Kern des gesamten Buches bezeichnet werden, weil nun (endlich)
die Frage nach der Wahrheit des Christentums frontal angegangen wird. Religion, so bestimmt Ratzinger zunächst, "ist
gerade dazu da, den Menschen zu seiner Ganzheit zu integrieren, Gefühl, Verstand und Wille aneinander zu binden
und ineinander zu vermitteln und eine Antwort auf dieHerausforderung des Ganzen, auf die Herausforderung von Le-
ben und Sterben, von Gemeinschaft und ich,von Gegenwart und Zukunft zu geben" (115). Der christliche Glaube
wird daran anschließend als die in ihrem Gottesverständnis gereinigte, universalisierte sowie Glaube und Vernunft
in Übereinstimmung bringende und aus all diesen Gründen "wahre" Religion entwickelt. Dies findet seine Begrün-
dung darin, dass - nach Augustinus - das Christentum "seine Vorläufer und seine innere Vorbereitung in der philoso-
phischen Aufklärung, nicht in den Religionen" hat. Es "beruht nach Augustin und nach der für ihn maßgebenden
biblischen Tradition nicht auf mythischen Bildern und Ahnungen, deren Rechtfertigung schließlich in ihrer politischen
Nützlichkeit liegt, sondern es bezieht sich auf jenes Göttliche, das die vernünftige Analyse der Wirklichkeit wahrnehmen
kann... Dies ist gemeint, wenn das Christentum seit der Areopagrede des heiligen Paulus mit dem Anspruch auftritt, die
religio vera zu sein" (137).

Der letzte Abschnitt schließlich geht auf die aktuelle, im wesentlichen durch J. Assmanns Buch °Moses der Ägypter"
hervorgerufene Diskussion um den biblischen Monotheismus ein. Ratzinger macht hierzu darauf aufmerksam, dass
keineswegs erst und ausschließlich im Namen des biblischen Gottes Gewalt ausgeübt wurde und wird sowie außer-
dem, dass die "Wahrheitsfrage nicht erst von 'Mose' erfunden" wurde, sondern sie stelle "sich notwendig ein, wo das
Bewußtsein eine gewisse Reifung erlangt" (178). Deshalb bedeute "die Rücknahme der Mosaischen Unterscheidung
(von wahr und unwahr)... nicht die Allversöhnung, sondern die Unversöhnbarkeit des Alls" (179). Die Wahrheitsfrage
sei schließlich unausweichlich (180), es könne deshalb keine 'Erlösung' vom Christentum und seiner Sündenlehre
geben (182). Nur die Wahrheit mache überdies frei, weil sie allein dem Menschen auf angemessene Weise Orientie-
rung für sein eigenes Freiheitsverlangen geben könne. Freiheit und Wahrheit sowie Freiheit und Verantwortung
hängen deshalb unverbrüchlich zusammen.

Alles in allem bietet das Buch ein überzeugendes Plädoyer dafür, die Wahrheitsfrage in unserer Gesellschaft nicht
weiterhin klein- und stattdessen dem unterscheidungslosen Pluralismus das Wort zu reden. Mit Sicherheit gibt es nur
ganz wenige Autoren, die auf diesem intellektuellen Niveau den christlichen Glauben als unverzichtbar auch für
unsere heutige Gesellschaft aufzuweisen imstande sind.


Herbert Frohnhofen, 2.11.2003