Ernst Feil, RELIGIO. Vierter Band: Die Geschichte eines neuzeitlichen Grundbegriffs im 18.
und 19. Jahrhundert (Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte 91) Göttingen 2007;

Dieser voluminöse Band von über 1000 Seiten bildet den vierten Teil eines vom Autor seit über zwanzig Jahren erarbeiteten Forschungswerkes zur Geschichte des Ausdrucks "religio". Während dabei "die vorausge- gangenen Untersuchungen... eine grundsätzliche Kontinuität des Verständnisses... (der) römisch-antiken und christlich rezipierten Bezeichnung bis in den Beginn des 18. Jahrhunderts hinein ergeben", hat sich in der Neuzeit eine "Transformation oder Zäsur" ereignet (8). Ausgangspunkt für die Untersuchung - so der Autor - war "das Interesse, die Relation zwischen 'Glaube' und 'Vernunft' zu untersuchen, die speziell in der Neuzeit heftig diskutiert und weithin als Antithese verstanden wurde" (8), so dass Religion weithin das Etikett des Ir- rationalen bekam - und für viele Zeitgenossen heute noch hat. Während er selbst "aus... (seiner) katholischen Tradition heraus Vorbehalte" gegen den Ausdruck "Religion" hegte, für den das Altgriechische ja auch kein Äquivalent kennt, sei er - so der Autor - besonders durch seine Studien zu Dietrich Bonhoeffer dazu veran- lasst worden, die Rede von einem "religionslosen Christentum" zu untersuchen (8f). Im Anschluss an die Bände I (1986),  II (1997) und III (2001), in denen dem Begriff "religio" vor und in der frühen Neuzeit nachgegangen wurde, wird mit dem vorliegenden Band das Werk abgeschlossen.

Die drei vorangegangenen Bände, so der Autor, "haben eine erstaunliche grundsätzliche Kontinuität der Be- deutung ergeben, die sich mit dem Wort 'religio' durch Jahrhunderte verbunden hat" (14). In Geltung blieb damit faktisch der klassische Begriff, "demzufolge 'religio' die Sorgfalt, man kann sagen, die peinlich genaue Sorgfalt bedeutete, jene Vollzüge auszuführen, die jeweils einem Gott (als einem Höhergestellten) aufgrund der Kardinaltugend der 'iustitia' geschuldet wurden" (14). Die jeweilige Religio bezieht sich damit auf be- stimmte Handlungen; die immer wieder genannte Bedeutung als "Rückbindung" an Gott ist - so Feil - nicht nur falsch, sondern sogar irreführend. Die frühen Christen konnten den Begriff verwenden, indem sie davon sprachen, selbst die "einzig wahre" Religion zu haben, da sie den einzig wahren Gott verehrten, während die "pagani" eine "falsche Religion" ausübten, die nichts anderes als "superstitio" sei.

Die im vorliegenden vierten Band ausgearbeiteten "letzten Untersuchungen" - so der Autor - "dienen dem Aufweis, durch wen die neuzeitliche Konzeption der 'Religion' entstanden ist und deutlich zutage tritt, wie sie näherhin ausgesehen hat sowie in welcher Relation sie zur tradierten Bedeutung steht... Zugleich gilt es, die ausdrücklichen Bezugnahmen auf die Relation der 'religio' zur 'fides', aber auch zur 'ratio' zu berücksichti- gen" (12). Bei all dem geht es dem Autor um die Frage, "ob nun 'religio'... (bzw. "Religion") tatsächlich ein Grundbegriff geworden ist, der auf der gleichen Ebene wie 'fides' bzw. 'Glaube' steht oder gar einen höheren Rang als diese erhielt" (12). Im Hinblick auf die Gegenüberstellung von "fides" und "ratio" bzw. "Glaube" und "Wissen" stellt sich dann auch die Frage, auf welcher Seite "religio" anzusiedeln ist. Ausgangspunkt ist dem Autor dabei die These, dass die neuzeitliche Fassung des Begriffs "religio" eine deutlich Zäsur darstellt; schon Bonhoeffer hatte mit Bezug auf Paul de Lagarde (1827-1891) formuliert, dass "in der nachkopernika- nischen Welt statt 'Glaube' das Wort religio" steht (12).

Eingeteilt ist das Buch in 10 Kapitel, die jeweils der einschlägigen Darstellung von unter Sach- und Zeitas- pekten in Gruppen zusammengefassten Autoren und ihren Werken dienen. Bei der Darstellung der jeweiligen Autoren wird die Untersuchung der Verwendung des Ausdrucks "religio" in den Kontext der jeweiligen The- ologie des Autors gestellt, so dass hierdurch das Buch auch als eine Theologiegeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts betrachtet werden kann. Alle Kapitel werden durch Zusammenfassungen abgeschlossen, die selbst wieder in einen abschließenden Rückblick auf die gesamte Arbeit münden. Als Ergebnis der Untersu-
chung wird hier formuliert: "An ihrem Ende steht eine Konzeption einer 'Religion' als 'Liebe' und als 'Eini- gung mit Gott', die nicht mehr aus der bisherigen tradierten Klassifizierung als moralische Tugend... folgt; sie erhält ihre besondere Zuspitzung durch ihre scharfe Entgegensetzung zum 'Glauben'. Diese 'Religion' wird näherhin gefaßt als 'innerliche', neben deren ethischer Version dominiert nun die emotionale Version, näm- lich ihre Bestimmung als 'Gefühl'" (879). Damit - so der Autor - konnte die neuzeitliche Bedeutung des Reli- gionsbegriffs "grundsätzlich aufgedeckt werden" (879).

Im Hinblick auf die gegenwärtige Diskussion um die "Wiederkehr der Religion" und die damit verbundene Frage, ob der Mensch von Natur aus religiös sei, wird die Definition dessen, was unter "Religion" zu verste- hen ist, erneut dringlich. Um so bedeutsamer erscheint es, dass in der Religionswissenschaft gerade hierüber keine Einigkeit zu erzielen ist und eine rein funktionale Bestimmung, wie sie Niklas Luhmann vorlegt (ihre Aufgabe sei es, die unabschließbare Welt in eine bestimmbare zu transformieren) nicht einmal so weit trägt, wie Luhmann selbst diesen Begriff verwendet. F. jedenfalls tritt dafür ein, das neuzeitlich entwickelte, emo- tional geprägte - allerdings so nur in den westlichen Kulturen bekannte - Religionsverständnis zur Grundlage der gegenwärtigen Erörterungen zu machen. In jedem Fall müsse bei jeder Diskussion das vorausgesetzte Verständnis von Religion eigens erläutert werden, um Missverständnissen vorzubeugen; seine Verwendung erinnere ihn oft an ein "Trojanisches Pferd" (893). - Im Ganzen liegt ein höchst beeindruckendes Werk vor uns; mittels des differenziert erarbeiteten Religionsbegriffs erlaubt es ausgedehnte Einblicke in die Philoso- phie und Theologie auch solcher Autoren, die etwas abseits der üblichen Forschungsbemühungen liegen. Umfangreiche (Literatur, Namen-, und vor allem Sach-) Register verhelfen dazu, dass das Buch auch für weitere Detail- und Überblicksarbeiten wichtige Unterstützung liefert.

Herbert Frohnhofen, 11. April 2008