Paul Timmermanns, Die "'Realität'" des Sollens in der Lebenswelt. Phänomenologie
einer lebensweltlichen Letztbegründung normativer Sollgeltung, Wuppertal 2006;

Die Diskussion um "Letztbegründungen" hat Konjunktur, insbesondere in Erkenntnistheorie, Ethik und Funda-
mentaltheologie. Gesucht wird dabei nach einem "letzten" Ausgangspunkt allen Denkens im jeweiligen Gegen-
standsbereich, nach etwas, das selbst nicht mehr in Frage gestellt wird bzw. werden kann, das also einen Halt
gibt, von dem man gesichert weiterdenken kann. Trotz aller Kritik, die an solche Versuche bereits herangetra-
gen wurde, versucht auch das vorliegende Buch für den Bereich der Ethik eine solche Letztbegründung plausi-
bel zu machen. Allerdings: Der Autor formuliert von Beginn an Skepsis gegenüber dem "Eingeschlossensein des
Bewußtseins in einen Kasten", also dem Vorverständnis, dass sich aufgrund bereits vorgefassten Denkens mittels
eines Zirkelschlusses auch die Begründung für solches Denken ergebe. Vor diesem Hintergrund schätzt er "we-
niger die anwachsenden philosophiehistorischen Enzyklopädien..., die nachzuweisen in der Lage sind, daß das
Faktum dieser 'Selbstgegenwart' zu allen Zeiten vorkommt", sondern von "hervorragender Bedeutsamkeit wäre
demgegenüber (für ihn)... vielmehr der Versuch einer genauen Analyse dieses Faktums selbst, d.h. eines Versu-
ches, das Phänomen dieser 'Selbstgegenwart' in seinem vortheoretischen Grund selber als eigenständiges Begrün-
dungsverständnis aufzudecken" (21). "Wirkliche", oder besser: reflektierte (?), "Letztbegründung findet somit
(für den Autor) dann statt, wenn in dem brückentheoretischen Hinweis auf die uns still und leise mögliche Ver-
nunftleistung der ersten Evidenz dieses Mehr trotz oder gerade wegen der Beengtheiten unserer Reflexionsleis-
tungen ernstgenommen wird und wenn die Theorie sich ernsthaft kritisch wieder diesem 'Faktum' selbst zuwen-
det" (23).

Dieses aller Reflexion und allem Sollen vorausgehende Faktum will T. nicht als "Vorverständnis", sondern
(mit Hans-Eduard Hengstenberg) eher als eine "Vorentscheidung" benannt wissen, ist es ihm doch bedeut-
sam, "daß es um einen Selbstvollzug in actu im Handlungskontext geht" (26 Anm. 16). Grundlage für die
Entstehung eines Sollens ist nach Hengstenberg ein sog. Kairos, welches meint, dass ein bestimmtes für das
menschliche Leben sinnstiftendes Ereignis nur in einem bestimmten Augenblick verwirklichbar ist (33f).
Wichtig ist dem Autor überdies, dass sein Versuch einer solch allgemein gültigen Letztbegründung sittlichen
Verhaltens darauf hinausläuft, auch jegliche Unterscheidung für den Begründungszusammenhang zwischen
einer allgemeinen philosophischen und einer spezifisch theologischen Ethik aufzuheben (27); ja auch die
"Pattsituation" zwischen "Deontologie" und "Teleologie", die sich in Bezug auf normative Geltungsansprü-
che in der theologischen Ethik herausgebildet habe, könne sich durch eine "tiefergehende Reflexion auf das
genaue Zustandekommen der 'inneren Einsicht'" in normative Geltungsansprüche auflösen lassen (51). "Die-
se genauere Frage nach dem 'Wie'... des Zustandekommens der inneren normativen Geltungseinsicht", so
kennzeichnet T. zusammenfassend die Aufgabe, "hätte also der tiefere Zielpunkt der hier in der theologi-
schen Ethik vorgelegten Arbeit zu sein" (52).

Das ERSTE KAPITEL ist sodann der Frage "nach dem genauen 'Wie' normativer Geltungseinsicht als der
Grundfrage der Normbegründung in der Ethik I. Kants" gewidmet. Hierbei kommt der Autor zu dem Ergeb-
nis, dass Kant "ein nahezu abgeschlossenes System der Begründung des normativen Geltungsanspruches an(zeigt),
das auf der Grundlage seiner Vernunftkritik eine Verhältnisbestimmung von Erkenntnis- und Anerkenntnisleis-
tungen im praktischen Vollzug normativer Geltungseinsicht beschreibt" (80). Die normative Geltung eines Sol-
lenssatzes wird als "Verstandesgesetz" entwickelt. Ungelöst bleibt dabei aber nach T., "wie das Bewußtsein im
Selbstverhältnis mittels 'Selbstgesetzgebung' denn erfassen kann, wenn ein stets 'im praktischen Gebrauche' im-
mer schon als 'objektiv real' erfahrener Gegenstand zum Gegenstand der normativen Geltung 'reiner praktischer
Vernunft' werden soll" (81). Überdies bleibt nach T. die Verbindung zwischen objektiver Gesetzgebung und
subjektiver Selbstgesetzgebung offen: "Warum (denn) sollte ich mich denn nun selbst an ein normatives 'Ver-
standesgesetz' willentlich (überhaupt) binden?" (81).

Das ZWEITE KAPITEL ("Aufgang") behandelt das "Grundproblem der Unhintergehbarkeit einer spezifi-
schen Erkenntnis sittlicher Anerkennung im Normen-Diskurs K.-O. Apels". Denn - so T. - "in den vielfäl-
tigen Arbeiten und den zum Teil fortentwickelten Überlegungen K.-O. Apels wird exakt dieser innere Zusam-
menhang zwischen dem Begründungsproblem der Ethik und dem Erkenntnis-Anerkenntnis-Dilemma in der
Wissenschaftlehre aufgearbeitet und miteinander verbunden in einen Letztbegründungsansatz gebracht" (92f).
Dabei ist die Grundthese, dass alle "der sprachlichen Kommunikation fähigen Wesen... als Personen anerkannt
werden (müssen), da sie in all ihren Handlungen und Äußerungen virtuelle Diskussionspartner sind und die un-
begrenzte Rechtfertigung des Denkens auf keinen Diskussionspartner und auf keinen seiner virtuellen Diskus-
sionsbeiträge verzichten kann" (97).

Im DRITTEN und ausführlichsten KAPITEL ("Ausgang") sucht der Autor sodann eine eigene "phänomeno-
logische Intuitionstheorie der lebensweltlich selbstgegebenen Geltungsevidenz" zu entwickeln, "die als Wirk-
grund normative Sollensansprüche zureichend begründen kann" (118). Im Ausgang von J. Habermas' Versuch
der Rückgewinnung der lebensweltlichen Praxis als eines realistisch-objektiven Deutungszusammenhangs so-
wie der Husserl'schen Beschreibung der Lebenswelt gelangt T. zur Dimension der sogenannten "Selbstgege-
benheit". Die "Selbstgegenwärtigkeit" eines Gegenstandes "sieht Husserl eben dadurch gekennzeichnet, daß in
ihm der 'Gegenstand selbst', d.h. 'als das, was er ist' erscheint" (161). Bei genauerer Betrachtung freilich um-
fasst dieser Begriff zweierlei: "'Selbstgegebenheit' im Sinne von Vorhandenheit eines selbst gegenwärtig Ge-
gebenen (eine Selbstgegenwart) einerseits und 'Selbstgegebenheit' im Sinne der Gebung des Gegebenen als die
Selbstgegenwärtigung des Gegebenen selbst" (191f).

Ein Exkurs im VIERTEN KAPITEL informiert über den Einfluss der husserl'schen Phänomenologie auf die
Philosophie von Derrida und Levinas. Die "Selbstgegenwart der Welt in der (eigenen) Lebenswelt zu vollzie-
hen", so resümiert der Autor das bisher Erarbeitete, "ist das Grundprinzip des Lebens und der denkend letztbe-
gründenden Erkenntnis" (205). Letztbegründung jedes Sollensanspruchs in Bezug auf unser Leben ergibt sich
also aus dem Leben selbst, aus der Selbstgegebenheit des Lebendigen. Das Leben drängt selbst dazu zu leben;
und wir als Teil dieses Lebens erfahren dies als Anspruch, dem Lebendigsein des Lebens zu dienen und an sei-
ner Entwicklung damit aktiv teilzuhaben. Das ist einfach überzeugend; auf diese letzte Basis muss jede Sollens-
begründung für unser Leben letztendlich zurückgreifen. Dies wird im abschließenden FÜNFTEN KAPITEL
("Aus-Kommen") - die Zahl IV. ist hier ein Druckfehler (247) - noch einmal zusammenfassend dargelegt.

Die These des Buches ist so im Ganzen durchaus sehr überzeugend; sie wäre freilich auch ohne den - dem Ver-
wertungszusammenhang als "wissenschaftlicher" Dissertation geschuldeten - immensen Apparat an Barriere
schaffender Fachsprache aus verschiedensten Zusammenhängen plausibel entwickel- und darstellbar gewesen -
ja vielleicht sogar dann noch klarer und plausibler.

Herbert Frohnhofen, 11. Mai 2007