Lorenz B. Puntel, Struktur und Sein. Ein Theorierahmen für eine systematische Philosophie, Tübingen 2006;

Fast dreißig Jahre sind vergangen, seit die vom Autor zusammen mit Geo Siegwart entwickelte "Programm-
schrift"
für eine systematische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München - in "Hunderten
von Kopien"
- kursierte und auch mich zum Studium nach München anlockte. Bald war ich einer jener zahlrei-
chen Magistranden und Doktoranden, die der riesige Anspruch und Ehrgeiz des jungen Professors faszinierte
und auch manches Mal ein wenig erschreckte. Sollte doch bereits damals nicht weniger als ein System gebaut
werden, in dem allem, auch potentiellem, philosophischen Wissen sein ihm angemessener Platz zugesprochen
werde. Und dies - so sehen wir heute - hat der inzwischen 71-jährige Autor auf vielfache Weise weiterentwik-
kelt und in einem beeindruckenden Buch von fast 650 Seiten niedergelegt. Die moderne analytische Philoso-
phie hat ihn in den vergangenen Jahrzehnten sehr beschäftigt; und sein Anliegen ist es nun, grundlegende Ein-
sichten und Methoden hieraus aufzunehmen und diese mit der ihm aus früherer Zeit sehr geläufigen Tradition
der philosophia perennis zu verbinden. Auch hierdurch soll die Philosophie ihren "ureigenen systematischen
Status"
wiedergewinnen (VII).

In der Einleitung informiert der Autor am Beispiel eines Vortrags von M. Dummett darüber, worin er die
"beiden
größten Defizite" moderner analytischer Sprachphilosophie sieht: (i) zum einen im Mangel einer Refle-
xion darüber, welche Art von "Sprache für die Entwicklung philosophischer bzw. wissenschaftlicher Theorien
adäquat und daher
erforderlich ist" (7), (ii) zum zweiten darin, dass "der fundamentale Bereich der Ontologie,
wenn überhaupt, so nur
sehr dürftig berücksichtigt" werde (8). "Welche Ontologie... vorausgesetzt und benutzt
wird, bleibt in der Regel un
gesagt" (9). Vorausgesetzt werde zwar "in der Regel eine bis auf Aristoteles zurück-
gehende substantialistische On
tologie, der gemäß die 'Welt' als die Gesamtheit der Substanzen... konzipiert wird,
die Eigenschaften haben und in
Relationen zueinander stehen", und zwar "in den allermeisten Fällen im Sinne
einer diffusen materialistischen Ge
samtsicht; als solche wird sie aber kaum expliziert, geschweige denn einer
ernsthaften theoretischen Prüfung unter
zogen" (9). Um diesen genannten Defiziten entgegenzuwirken, so Puntel,
legt er sein Konzept einer systematischen Philosophie vor, wobei Philosophie "in einer vorläufigen Definition...
als universale Wissenschaft verstanden (wird),
genauer: als Theorie der universalen Strukturen des uneinge-
schränkten universe of discourse"
(12). Der "universe of discourse" (offenbar muss auch hier - wie heute üblich
- alles Wichtige in englischer Sprache ausgedrückt werden, damit es etwas gilt) ist mithin "das umfassende Da-
tum im buchstäblichen Sinne von: das zu begreifende oder
zu erklärende Gegebene der Philosophie" (13). Der
systematische Philosoph müsse hieran anknüpfen und versuchen, "alle diese 'Daten' in eine Gesamttheorie zu
bringen"
(14), wobei die Daten als "Theoriekandidaten" allererst begriffen und erklärt werden müssen. Im vor-
liegenden Werk sollen in sechs Kapiteln jene Voraussetzungen geklärt werden, die eine in diesem Sinne ver-
standene Philosophie allererst möglich machen, die mithin - so der Autor - gemeinsam einen vollständigen The-
orierahmen für die Philosophie bilden.

Das erste Kapitel ("Globalsystematik") versucht eine "Standortbestimmung" der jetzt sogenannten "struktural-
syste
matischen Philosophie". Eingeführt und besprochen werden hier die Begriffe "Theorie", "Theorierahmen",
"Struk
tur", "universe of discourse", "universale Strukturen" und "systematische Philosophie". Der Titel des Bu-
ches "Struktur und Sein" wird dahingehend erklärt, dass es in diesem Buch darum gehe, "die Strukturen bzw.
die Strukturiert
heit der Welt, des Seins, also des unbegrenzten universe of discourse, herauszuarbeiten" (51).
Dabei wird selbstverständlich davon ausgegangen, dass es "eine ursprüngliche Einheit von Sein/Welt/Univer-
sum einerseits und sprachli
chen/semantischen, begrifflichen und formalen Strukturen andererseits" gibt (53f),
womit an die gesamte Tradition etwa eines christlichen Offenbarungsverständnisses angeschlossen wird. Reflek-
tiert wird auch darauf, dass der in diesem Buch vorgeschlagene Theorierahmen zur Deutung des universe of
discourse nur einer vieler möglicher Theorierahmen ist, keinesfalls aber der Anspruch erhoben werden kann,
den "besten" oder gar einzigen Theorierahmen zu formulieren (54). Darüberhinaus wird eine vierstufige phi-
losophische Methode vorgeschlagen und expliziert. Schließlich wird die Frage nach einer "(Selbst)Begründung
der systematischen Philosophie"
dahingehend erläutert und entschieden, dass auf einer Metaebene verschiedene
(philosophische) Theorierahmen miteinander konkurrieren und sich bei dieser Konkurrenz idealerweise jener
Theorierahmen durchsetzt, der die je höhere Kohärenz aufweist (93).

Das zweite Kapitel ("Theoretizitätssystematik") beschäftigt sich mit der Darstellungsdimension der Philosophie.
Hierbei wird der Sprache ein zentraler Platz zugewiesen. Ja "an der Strukturiertheit der Sprache (sei) die Struk-
turiertheit der Sache selbst abzulesen" (130). Im Ausgang von verschiedenen - vom Autor detailliert erläuterten
- Theoriebegriffen plädiert P. für einen von ihm entwickelten "strukturale(n) Theoriebegriff... als die für die sys-
tematische Philosophie geeignete Theorieform" (181). Hierbei erweisen sich Sprache (L), Struktur (S) und Uni-
verse of Discourse (U) als die drei Basiskomponenten dieses Theoriebegriffs (182), wobei für deren Zusammen-
hang untereinander der Wahrheitsbegriff eine wichtige Rolle spielt. Die Bedeutung des Ausdrucks "Wahrheit"
wird dabei zunächst so festgehalten: "Unter Voraussetzung, dass Sprache als die Gesamtheit der deskriptiven Pri-
märsätze, die Primärpropositionen ausdrücken, verstanden wird, gilt: Das Wort 'Wahr(heit)' bzw. der Operator
'Es ist wahr dass' bezeichnet sowohl die Überführung der Sprache von einem indeterminierten oder unterdeter-
minierten Status in einen volldeterminierten Status als auch in einem das Ergebnis einer solchen Überführung:
die volldeterminierte Sprache" (205).

Das dritte Kapitel ("Struktursystematik") behandelt die grundlegenden Strukturen unseres Denkens und Seins,
wobei unter einer Struktur ("intuitiv") ein "differenzierter und geordneter Zusammenhang bzw. als Beziehung
und Wechselwirkung von Elementen einer Entität oder eines Gebietes oder eines Prozesses usw." verstanden
wird (36). Es geht also letztlich um jene Arten unseres Denkens, mit denen wir uns den Gegebenheiten begrei-
fend nähern und die in der Geschichte der Philosophie insbesondere als "Kategorien" bezeichnet und bedacht
worden sind. Dabei steht traditionell als eine der Hauptfragen im Fokus, inwieweit solche (Denk-)Strukturen
dem zu Begreifenden bereits inhärent sind bzw. inwieweit sie durch das denkende Subjekt von außen an es her-
angetragen werden. Logisch-mathematische Strukturen als solche, die "die Formulierung von Theorien im Sin-
ne von abstrakten Modellen der Wirklichkeit (der Welt) betreffen" (288) und ontologische Strukturen, die als
"Strukturen der Welt" die sog. Primärtatsachen betreffen, werden von P. zwar unterschieden aber in einen en-
gen Zusammenhang gebracht. Auch die logisch-mathematischen Strukturen würden nämlich selbst zu ontolo-
gischen Strukturen, wenn sie denn nur ebenfalls im Hinblick auf Primärtatsachen verwendet würden (289).
Dies erscheint zunächst trivial, macht aber deutlich, dass P. die traditionelle Ontologie, nach der die (zu be-
greifende) Welt als eine Gesamtheit von Objekten/Substanzen zu verstehen ist, nicht nur - wie er selbst sagt
- durch eine Ontologie ersetzt, nach der die zu begreifende Welt durch Primärtatsachen konfiguriert wird,
sondern dass er zudem die Art und Weise des Begreifens, also die Wahl der jeweiligen Strukturen ganz in
die Wahl des Begreifenden legen zu können meint. Die Primärtatsachen scheinen für ihn also die ihnen an-
gemessenen Strukturen ihres Begreifens in keiner Weise bereits mitzubringen. Der vom Autor - auch in an-
deren Schriften - sehr intensiv untersuchte Begriff "Wahrheit" wird hier "als der vollbestimmte Status (des
Zusammenhangs) der... fundamentalen Strukturen" erklärt (298). Hierbei kommt zu Recht auch die hohe
Bedeutung einer gemäßigten Form des Wahrheitsrelativismus in den Blick, der vor dem Hintergrund der
Operation mit unterschiedlichen Theorierahmen sehr plausibel gemacht werden kann.

Mit dem vierten Kapitel ("Weltsystematik") beginnt der Teil des Buches, in dem "die bisher herausgearbei-
tete Dimension der Struktur(en) auf die Dimension des Seins 'angewandt' wird" (329). Hierbei gilt der Begriff
"Welt" für P. nicht als Synonym für "universe of discourse" oder "Sein (im Ganzen)" sondern er bezeichnet
"jene Dimension des universe of discourse bzw. des Seins (im Ganzen), die als der Zusammenhang der in die-
sem Kapitel zu behandelnden 'Gebiete' aufzufassen ist" (332). Als solche Gebiete werden unterschieden: die
"Naturwelt", "um den sogenannten anorganischen und organischen Bereich des Universums ohne den Men-
schen zu benennen" (335), die "menschliche Welt", die insbesondere unter den Aspekten des Personseins
des Menschen, seiner Intentionalität und seines Selbstbewusstseins sowie seines sittlichen Handelns zu bespre-
chen ist, sowie schließlich die "ästhetische Welt", in der es um Kunst und Schönheit zu tun ist. Umgriffen
wird dies alles von einer philosophischen Reflexion auf das "Weltganze", welches schon immer - oft mittels
der Rede von der Kosmologie - zum Thema der Philosophie gemacht worden ist. Hier ist die Rede vom Be-
ginn der Welt ("Schöpfung"?) ebenso wie vom Status des Religiösen und der Pluralität der Religionen, bis
hin zur Deutung der Weltgeschichte, bzw. der Frage nach ihrem "Sinn". Zu Recht wird in Bezug auf letzte-
res darauf verwiesen, dass die übliche Rede von einem "Sinn" des Lebens bzw. der Weltgeschichte nicht
ausreichend dadurch interpretiert ist, dass das entsprechende Objekt begreifbar resp. erklärbar ist, sondern
auch dasjenige meint, dass es "sich als etwas eindeutig Positives... (herausstellt): als etwas, was zustimmend
zu bewerten, als etwas, was zu bejahen und anzustreben ist" (457).

In diesem Zusammenhang freilich wäre noch genauer darüber zu handeln, wie mit der zitierten Auffassung
von Thomas Nagel umzugehen ist, dass "die Annahme eines letzten Sinns als eine Angelegenheit des" Reli-
giösen zu bezeichnen sei (462). Einerseits erscheint es nämlich durchaus richtig, dass die Untersuchung und
Erläuterung der sog. Sinnfrage der Philosophie obliegt, andererseits geschieht ihre Beantwortung oft sehr in-
dividuell und ist eine Sache der religiösen bzw. weltanschaulichen Orientierung des Menschen, die immer
auch eine aktive, eine setzende Dimension hat. In einer noch ausstehenden Theorie des Absoluten, die von
P. aber bereits angekündigt ist, wäre nun noch darzutun, in welcher Weise diese religiöse bzw. weltanschau-
liche Orientierung des Menschen ebenfalls noch einmal philosophisch einzuholen ist bzw. - anders formuliert
- es eben doch gute Gründe gibt, für eine bestimmte Weltanschauung/Religion gegenüber einer anderen einzu-
treten bzw. dass eine Weltanschauung/Religion mehr Wahrheit bzw. Kohärenz enthält als eine andere.

Das fünfte Kapitel ("Gesamtsystematik") zielt eine "Theorie des Seins als solchen und im Ganzen" (477)
an. Bei allem Vorbehalt gegen die Verwendung des traditionellen Ausdrucks "Metaphysik" soll eine "struk-
turale Metaphysik" entwickelt werden, "für die es in der Philosophiegeschichte keine Vorbilder gibt", die
aber "in signifikanter Weise an fundamentale Institutionen und Themenstellungen anknüpft, die in der
Philosophiegeschichte zur 'Metaphysik' gerechnet wurden" (479). Dem grundsätzlichen Problem einer -
auf Kant zurückgehenden - "Kluft zwischen der Dimension des Subjekts und der Dimension der Realität"
(481) wird von P. die These der "Ausdrückbarkeit" als einem grundlegenden "Strukturmoment der Sei-
enden und des Seins" (495) gegenübergestellt. Hierbei werden Sprachen mit überabzählbar unendlich vie-
len Ausdrücken als wesentliche Voraussetzung für die universelle Ausdrückbarkeit der Welt angesehen.
Überwunden wird die genannte Kluft dadurch, dass "die ganze theoretische Dimension ontologisiert"
(537) wird, worunter zu verstehen ist, dass nicht "nur die erkennenden Subjekte, die Theoretiker, sondern
auch die ganze theoretische Dimension... als Teile der Natur... gesehen werden" (537). Zuletzt entwik-
kelt P. in diesem Kapitel im Anschluss an Thomas von Aquin die These von einer absolutnotwendigen
Seinsdimension, die überdies geistig verfasst ist, was für ihn bedeutet, "dass sie genauer als absolutnot-
wendiges geistiges personales Sein zu bestimmen ist" (609).

Das sechste und letzte Kapitel ("Metasystematik") ist das mit Abstand kürzeste des Buches. Hier wird
von einer Metaphilosophie als der Theorie der Philosophie sowie von einer Metasystematik als derjeni-
gen Metaphilosophie gesprochen, die gegeben ist, "wenn das 'Reden über die Philosophie' ganz präzise
verstanden und geklärt wird" (614). Als wichtige Kriterien für die Beurteilung der Qualität der Philoso-
phie werden "maximale Kohärenz und Intelligibilität" benannt (616). Maximale Kohärenz für eine syste-
matische Philosophie ist dann gegeben, wenn "jedes 'Element' (Begriff, Aussage, Theorie usw.) in das
Ganze des Systems eingeordnet wird" (617), maximale Intelligibilität ist dann gegeben, wenn "der 'Sta-
tus' einer 'Sache' derart charakterisiert werden (kann), dass er theoretischen Kriterien voll genügt" (618).
Da Intelligibilität und Kohärenz immer nur relativ in Bezug auf den verwendeten Theorierahmen fest-
gestellt werden können, kann es keine absolute Intelligibilität und Kohärenz für P. geben. Während un-
ter der "immanenten Metasystematik" die "Architektonik der systematischen Philosophie" verstanden
wird (621), meint der Ausdruck "externe Metasystematik", dass "die vorgelegte struktural-systemati-
sche Philosophie (selbst) zum Thema oder Gegenstand" der theoretischen Betrachtung gemacht wird
(625), wobei natürlich der Vergleich zu anderen Philosophien eine große Rolle spielt. Dieser Ver-
gleich, so P., ist als Qualitätsvergleich zwischen den jeweils verwendeten Theorierahmen vorzuneh-
men, wobei der Vergleich grundsätzlich vier verschiedene Ergebnisse zeitigen könne: jeweilige Über-
legenheit eines der Theorierahmen, Gleichwertigkeit beider und Feststellung der Defizienz beider
(627). Voraussetzung für die Durchführung und vor allem Akzeptanz solcher Vergleiche ist natür-
lich, dass Philosophie grundsätzlich als Theorie, dass Philosophieren als das Erstellen einer Theorie
verstanden wird (642). Voraussetzung ist auch, dass Rede und Konzept des Theorierahmens
auch auf andere Philosophien anwendbar ist und ggf. von deren Autoren akzeptiert wird.

Im Ganzen wird man nach der Lektüre vom Anspruch und auch von der Durchführung dieser Vor-
lage eines Theorierahmens für eine systematische Philosophie überwältigt sein. Selbst wenn der Spe-
zialist für ein einzelnes der vielen angesprochenen Themen und Inhalte des philosophischen Diskur-
ses im Detail die eine oder andere Ergänzung oder Korrektur anzubringen vermag, ist das vorgeleg-
te Konzept einer Gesamtschau auf die Philosophie - gerade vor dem Hintergrund ihrer heute nahe-
zu unendlichen Differenziertheit - eine wahrhaft gigantische Leistung. Die gleichwohl dem Autor
noch verbliebene Bescheidenheit wird daraus ersichtlich, dass er auf den letzten Seiten des Buches
diskutiert, unter welchen Umständen seine hier vorgelegte Lebensleistung lediglich als "eine Stufe
im Prozess der Entwicklung immer adäquaterer Theorierahmen im Hinblick auf eine Erfassung und
Artikulation der 'Sache des Denkens' und damit der 'Sache der Philosophie'" (646) anzusehen sei.

Herbert Frohnhofen, 5. November 2006