Theologie-Systematisch
Theologische Erkenntnislehre
§ 9. Heilige Schrift und Tradition
Texte-Schrift-allgemein

"Warum nicht lieber beides, wenn doch beides wahr ist? Und wenn einer noch einen dritten, einen vierten
und irgend sonst einen wahren Sinn in diesen Worten sieht, - warum soll man diese Gedanken alle nicht
auch dem Manne zutrauen, durch den der Eine Gott durch seine Heilige Schrift dem Verstande der Vielen
so entsprochen hat, daß sie darin Wahres auch bei verschiedener Deutung sollten erschauen können?"

(AUGUSTINUS, Bekenntnisse XII 31,42)

"Die Bibel ist rein historisch und literarisch betrachtet nicht einfach ein Buch, sondern eine Samm-
lung von Literatur, deren Entstehung sich über mehr als ein Jahrtausend hin erstreckt und deren ein-
zelne Bücher man nicht ohne weiteres als eine innere Einheit erkennen kann; sie stehen vielmehr in
erkennbaren Spannungen zueinander. Das gilt schon innerhalb der Bibel Israels, die wir Christen als
Altes Testament benennen. Es gilt erst recht, wenn wir als Christen das Neue Testament mit seinen
Schriften sozusagen als hermeneutischen Schlüssel mit der Bibel Israels verbinden und diese so als
Weg auf Christus hin verstehen. Die Bibel wird im Neuen Testament im allgemeinen zurecht nicht
als 'die Schrift', sondern als 'die Schriften' bezeichnet, die freilich zusammen dann doch als das ei-
ne Wort
Gottes an uns angesehen werden. Aber schon dieser Plural macht sichtbar, dass Gottes Wort
hier nur durch Menschenwort und Menschenwörter hindurch zu uns kommt, dass Gott nur durch
Menschen hindurch, durch deren Worte und deren Geschichte zu uns redet. Dies wieder bedeutet,
dass das Gött
liche an dem Wort und an den Wörtern nicht einfach zutage liegt. Modern ausgedrückt:
Die Einheit
der biblischen Bücher und der göttliche Charakter ihrer Worte sind nicht rein historisch
greifbar. Das Historische ist die Vielfalt und die Menschlichkeit. Von da aus versteht man die zu-
nächst befremdlich erscheinende Formulierung eines mittelalterlichen Distichons: Littera gesta do-
cet – quid credas alle
goria … (vgl. Augustinus von Dänemark, Rotulus pugillaris, I). Der Buchstabe
zeigt die Fakten an;
was du zu glauben hast, sagt die Allegorie, das heißt die christologische und
pneumatische Auslegung.


Wir können es auch einfacher ausdrücken: Die Schrift bedarf der Auslegung, und sie bedarf der Ge-
meinschaft, in der sie geworden ist und in der sie gelebt wird. In ihr hat sie ihre Einheit, und in ihr
öffnet sich der das Ganze zusammenhaltende Sinn. Noch einmal anders gewendet: Es gibt Dimensio-

nen der Bedeutung des Wortes und der Wörter, die sich nur in der gelebten Gemeinschaft dieses Ge-
schichte stiftenden Wortes öffnen. Durch das zunehmende Wahrnehmen der verschiedenen Sinndi-
mensionen wird das Wort nicht entwertet, sondern erscheint erst in seiner ganzen Größe und Würde.
Deswegen kann der 'Katechismus der katholischen Kirche' mit Recht sagen, dass das Christentum

nicht einfach eine Buchreligion im klassischen Sinn darstellt (vgl. Nr. 108). Es vernimmt in den Wör-
tern das Wort, den Logos selbst, der sein Geheimnis durch diese Vielfalt hindurch ausbreitet. Diese
eigentümliche Struktur der Bibel ist eine immer neue Herausforderung an jede Generation. Sie
schließt von ihrem Wesen her all das aus, was man heute Fundamentalismus nennt. Denn das Wort
Gottes
selber ist nie einfach schon in der reinen Wörtlichkeit des Textes da. Zu ihm zu gelangen ver-
langt ei
ne Transzendierung und einen Prozess des Verstehens, der sich von der inneren Bewegung des
Gan
zen leiten lässt und daher auch ein Prozess des Lebens werden muss. Immer nur in der dynami-
schen Einheit des Ganzen sind die vielen Bücher ein Buch, zeigt sich im Menschenwort und in der
menschlichen Geschichte Gottes Wort und Gottes Handeln in der Welt.

Die ganze Dramatik dieses Themas ist in den Schriften des heiligen Paulus ausgeleuchtet. Was die
Überschreitung des Buchstabens und sein Verstehen allein vom Ganzen her bedeutet, hat er dras-
tisch ausgedrückt in dem Satz: 'Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig' (2 Kor 3,6).
Und weiter: 'Wo der Geist … da ist Freiheit' (2 Kor 3,17). Man kann aber das Große und Weite
dieser Sicht des biblischen Wortes nur verstehen, wenn man Paulus ganz zuhört und dann erfährt,
dass dieser freimachende Geist einen Namen hat und so die Freiheit ein inneres Maß: 'Der Herr ist
der Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit' (2 Kor 3,17). Der befreiende Geist ist nicht
einfach die eigene Idee, die eigene Ansicht des Auslegers. Der Geist ist Christus, und Christus ist
Herr, der uns den Weg zeigt. Mit dem Wort von Geist und Freiheit ist ein weiter Horizont eröffnet,
aber zugleich der Willkür der Subjektivität eine klare Grenze gesetzt, die den einzelnen wie die Ge-  
meinschaft klar in die Pflicht nimmt und eine neue, höhere Bindung als die des Buchstabens, näm-
lich die Bindung von Einsicht und Liebe erschafft. Diese Spannung von Bindung und Freiheit, die
weit über das literarische Problem der Schriftauslegung hinausreicht, hat auch Denken und Wirken
des Mönchtums bestimmt und die abendländische Kultur zutiefst geprägt. Sie ist als Aufgabe auch
unserer Generation gegenüber den Polen von subjektiver Willkür und fundamentalistischem Fana-
tismus neu gestellt. Es wäre ein Verhängnis, wenn die europäische Kultur von heute Freiheit nur
noch als Bindungslosigkeit auffassen könnte und damit unvermeidlich dem Fanatismus und der
Willkür in die Hand spielen würde. Bindungslosigkeit und Willkür sind nicht Freiheit, sondern
deren Zerstörung.
"


(P. Benedikt XVI., Grundsatzrede zur Kultur am 12. September 2008 in Paris)