Helmut Hoping, Jesus aus Galiläa. Messias und Gottes Sohn, Freiburg 2019

Was für ein beeindruckendes Buch! Eine Christologie, die an der Zeit ist, die also punktgenau und um-
fassend jene Fragen adressiert, die derzeit diskutiert werden und theologisch bleibend bedeutsam sind.
Gleichzeitig werden die nötigen historischen Rückbezüge vorgenommen sowie zu jedem Abschnitt ein
Blick in den liturgischen Kontext geworfen, welcher deutlich macht, dass und wie die vorgelegte reflek-
tierende Bezugnahme auf Jesus Christus sich in der Liturgie feiernden Kirche spiegelt, so dass sie also
in intensiver Resonanz zu dieser formuliert wird und werden soll. Doch schauen wir auch im Einzelnen
etwas genauer hin.

Schon die kurze Einführung benennt die wichtigsten Koordinaten dieser Christologie: Die Offenbarung
Gottes, die sich in Jesus Christus ereignet, sich aber lediglich im geistgewirkten Glauben wirklich dem
Menschen erschließt; eine Christologie überdies, die sich ausdrücklich am Axiom "lex orandi, lex cre-
dendi" orientiert und nicht ohne philosophische und alttestamentliche, vor allem messianische Rückbe-
züge, verstanden werden kann und darf. Dass es vor diesem Hintergrund schlicht zu billig und dem An-
spruch der christlichen Theologie nicht ansatzweise gemäß ist, Gottes Existenz nur "als Hypothese" und
das Bekenntnis Jesu als Gottes Sohn sowie Gott selbst nur nur als "eine Möglichkeit" zu betrachten, wie
es derzeit systematisch-theologisch eben auch geschieht, wird unter Namensnennung zwar kurz ange-
sprochen und gerügt, dann aber in der Folge zu Recht nicht weiter beachtet. 

Teil A des Buches ("Grundlagen") beinhaltet in sechs Kapiteln mit je drei Abschnitten die historischen
Ursprünge und frühesten Deutungen der Person Jesu von Nazareth. Dies beginnt mit einem Blick auf den
historischen Jesus, wird fortgeführt mit seiner Interpretation als Messias, dem Leiden und Sterben sowie
seiner Auferstehung und geht über in die christologischen Interpretationen, Deutungen und Lehrstreitig-
keiten bis hin zu Chalcedon und seiner Nachgeschichte. Dies alles macht rund die Hälfte des Buches aus
und wird in intensivem Gespräch mit der neuesten Literatur erläutert. Leser und Leserin verfolgen auf die-
se Weise nicht nur den in Windungen und Schleifen heranwachsenden Christusglauben der Kirche, son-
dern auch wie dies bis heute vielstimmig interpretiert wird. Bezugnahmen auf die Jesus-Bände Joseph Rat-
zingers gibt es hier ebenso wie zahlreiche Hinweise auf aktuelle Deutungen und Diskussionen in der Exe-
gese. Sehr vorsichtig ist der Autor darin, eigene Urteile zu fällen; wichtig scheint es ihm, möglichst alle re-
levanten Denkmöglichkeiten vorzustellen, bevor er selbst dann pointiert (wenn nötig: sehr pointiert) an
dem festhält, was theologisch notwendiger Weise zu sagen ist, um auch heute gradlinig in der Konsequenz
des überlieferten christlichen Glaubens zu bleiben.

Teil B des Buches ("Entfaltungen") beinhaltet in fünf Kapiteln mit ebenfalls je drei Abschnitten systemati-
sche Darlegungen zu den gerade heute besonders im Fokus stehenden Fragen. Die Inkarnation des göttli-
chen Logos in Jesus Christus wird dabei im Anschluss an Karl Rahner so verstanden, "dass in Jesus Chris-
tus das erscheint, was als innere Möglichkeit in jedem Menschen angelegt ist, aber nur in Jesus Christus
verwirklicht wurde. In Jesus Christus finden wir zugleich und in einem die Selbstmitteilung Gottes wie die
unbedingte Annahme der Selbstzusage Gottes durch den Menschen Jesus von Nazaret" (236). Deshalb
kann die "Identität der Person Jesu mit dem Logos... nicht etwas dem Menschen schlechthin Fremdes
und Widernatürliches sein, es muss sich um eine Möglichkeit im Menschen handeln" (251). In Bezug auf
das Leiden und Sterben Jesu hält Hoping gegen alle ach so moderne und zeitgeistige außer- und innerthe-
ologische Kritik (Nietzsche, O. Fuchs, Striet, Verweyen u.a.) an der paulinischen Rede vom stellvertreten-
den Sühnetod Jesu Christi fest, denn "im Sterben Jesu tritt der menschgewordene Sohn Gottes an die Stel-
le der Sünder, bis in das Sterben, die Gottverlassenheit und den Tod hinein, um unsere Sünden hinwegzu-
tragen" (299). Denn: "Nicht im factum brutum des gewaltsamen Todes Jesu ist das Heil begründet, son-
dern im Lebensopfer des Sohnes, das zur Identität Gottes und seiner vorbehaltlos sich verschenkenden
Liebe gehört" (300). Oder anders: "Das Wesen des Kreuzesopfers ist nicht die Gewalt, sondern die Gabe
des Lebens. Im Zentrum des Christentums steht mit dem Lebensopfer Christi das radikal gewendete Op-
fer, das Gott selbst gibt und der Mensch empfängt" (300).

Auch im Hinblick auf die Theologie der Religionen steht heute ja das Schwache, das Pluralistische, das re-
ligiöse Wahrheitsansprüche möglichst Verbrämende wenn nicht gleich ausdrücklich Negierende im Mittel-
punkt: Assmann, Marquard, Vattimo, Hick, Knitter und andere sind hier einige der sehr unterschiedlichen
Protagonisten. H. lässt sie alle ausführlich zu Wort kommen, hält seinerseits gleichwohl in Bezug auf Jesus
Christus an der kirchlichen Lehre eines universalen Wahrheitsanspruches im Sinne eines "reflektierten In-
klusivismus" fest, der besagt, "dass Gott auch in anderen Kulturen und Religionen durch seinen schöpfe-
rischen Geist gegenwärtig ist" (321f) und es doch in Jesus Christus nur einen Mittler zwischen Gott und
den Menschen und "daher nur eine umfassende Heilsordnung geben (kann). Ein Mensch kann zwar au-
ßerhalb der sichtbaren Kirche, nicht aber an Jesus Christus vorbei zu seinem endgültigen Heil finden"
(323). Man könne deshalb "durchaus von Elementen göttlicher Offenbarung (auch) in anderen Religio-
nen sprechen" (323), um "der eigenen Identität und der Wahrhaftigkeit willen muss das Christentum im
interreligiösen Dialog (aber) an der Einzigkeit und Universalität Christi festhalten" (330).

Hinsichtlich der sogenannten abrahamitischen Religionen wendet sich H. zunächst dem Judentum zu. Rad-
ford Ruethers Pauschalangriff gegen jede (bereits neutestamentliche) Christologie als antijudaistisch und
die in der Folge nicht nur von ihr erhobene radikale Forderung, das christliche Messiasbekenntnis einfach
zurückzunehmen, finden hier ebenso Erwähnung wie des Melitos folgenreiche Rede vom "Gottesmord"
und die Jahrhunderte prägende These der Substitution des Volkes Israel durch die Kirche in Gottes Heils-
plan. Ausführlich kommt die erst nach 1945 und vor allem durch "Nostra aetate" (1965) möglich gewor-
dene Perspektive zur Sprache, nach der Juden und Christen sich endlich gemeinsam als Heilswerkzeuge
Gottes begreifen, ihr genaues Verhältnis zueinander und damit auch die Person Jesu Christi freilich immer
noch zu vielen weiteren Diskussionen Anlass gibt.

Zum Islam erläutert H. zunächst Grundlegendes und insbesondere die hohe Wertschätzung, die dieser Je-
sus von Nazareth entgegenbringt. Dabei gilt aber: "Jesus wird vom Koran als Messias... anerkannt, nicht
aber als Sohn Gottes" (372); denn es stehe Gott nicht an, einen Sohn anzunehmen. Er sei zwar durch ein
göttliches Schöpfungswort und nicht durch menschliche Zeugung auf die Welt gekommen, er sei der Ge-
sandte Gottes, Wort und Geist Jesu stammten von ihm; gleichwohl gehöre er lediglich zu den Menschen,
die Gott besonders nahe standen, und sei nicht selbst göttlichen Wesens. Vor diesem Hintergrund wird
auch der christliche Trinitätsglaube abgelehnt. - H. macht demgegenüber darauf aufmerksam, dass zur
"Entstehungszeit des Koran... die christologische Lehrbildung noch nicht abgeschlossen" war (377) und
die entsprechenden Textstellen im Koran, die sich "gegen die Göttlichkeit Jesu richten... auf dem Hinter-
grund eines monophysitischen Christusbildes zu verstehen" sind (378). Überdies betont H., dass die Aus-
sage in Nostra aetate 3, nach der "auch die Muslime... den einzigen Gott anbeten" entgegen der Interpre-
tation mancher anderer christlicher Theologen und Theologinnen nicht bedeute, "dass sie denselben Gott
bekennen oder zum selben Gott beten" (383). Hierzu werden auch noch weiterführende Diskussionen
angeführt und erörtert.

Zuletzt widmet sich H. dem trinitarischen Gottesbekenntnis. Mit Blick auf die Liturgie wird hier betont,
dass das "an Christus gerichtete Gebet... theologisch nur dann legitim (ist), wenn Christus im Gebet nicht
als 'zweiter Gott' adressiert wird, sondern als die wahre Ikone des Vaters" (401). Denn das "an Christus
gerichtete Gebet darf nicht die Theozentrik des christlichen Gottesdienstes gefährden oder aufheben" (401).
Es gilt aber: "Durch Christus und seinen transitus vom Tod zum Leben werden wir (in der Eucharistie in
das dreifaltige Leben des einen Gottes hineingezogen. Christus empfangen wir durch das heilige Pneuma,
das auf die eucharistischen Gaben herabgerufen wird" (409). Damit ist der "entscheidende Raum, in dem
Christen dem dreinigen Gott begegnen,... das Gebet" (410). Trinitätstheologisch wird sodann mit Recht
die Verwendung eines "bewusstseinstheoretischen" Personbegriffs zur Unterscheidung der trinitarischen
Erscheinungsweisen Gottes ebenso problematisiert wie die Rede "von einem Plural göttlicher Freiheiten"
(414). Beides berge die Gefahr, das monotheistische als das Basis-Bekenntnis von Juden und Christen in
Frage zu stellen.

Herbert Frohnhofen, 27. Juli 2020