Martin Hengel, Studien zur Christologie. Kleine Schriften IV,
hg.v. Claus-Jürgen Thornton (WUNT 201) Tübingen 2006;

Dieser Band des bekannten Neutestamentlers enthält dreizehn Studien zur frühkirchlichen Christologie, die zwi-
schen 1967 und 2004 in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen bereits veröffentlicht wurden. Sie stammen -
so informiert das Vorwort des Urhebers - "ganz überwiegend aus Festschriften und Symposiumsbänden, die oft
schwer erreichbar sind" (VII). Inhaltlich konzentrieren sie sich auf die früheste Entwicklung der Christologie,
die angestoßen wurde "durch die Begegnung der Jünger mit ihrem von Gott auferweckten Meister Jesus von Na-
zareth, der wegen seines messianischen Anspruchs gekreuzigt worden war" (VII).

Der ERSTE BEITRAG (von 1967) - eine Exegese zu 2 Kor 5,11-21 - behandelt den Kreuzestod Jesu Chris-
ti als souveräne Erlösungstat Gottes. Nach eingehender wissenschaftlicher Erörterung der Perikope kommt
H. zu dem Ergebnis, dass "fünf Schwerpunkte" das paulinische Verständnis des Todes Jesu Christi prägen: (1)
Er ist stellvertretende Sühne für unsere Schuld. (2) Christus erfüllt stellvertretend das Gesetz und trägt den Fluch
des Gesetzes für uns. (3) Christi Tod ist das aufgerichtete Zeichen dafür, daß Gott uns mit sich versöhnt hat.
(4) Dieser Tod bewirkt stellvertretend unsere Rechtfertigung und versetzt uns in den Heilsbereich der Gerech-
tigkeit Gottes. (5) Christi Tod gibt uns Anteil an seinem Sterben und lässt uns der Sünde absterben, damit wir
seines Lebens teilhaftig werden (24). Überdies vertritt der Autor pointiert die Auffassung, dass die "Versuchung
einer Auflösung des christlichen Glaubens in eine Ideologie der guten Werke, in Mitmenschlichkeit und humani-
täre Haltung... seit der Aufklärung... die größte Gefahr für den christlichen Glauben" sei (24). Der Stellvertre-
tungscharakter des Todes Jesu am Kreuz sei deshalb unbedingt festzuhalten (25). Im ZWEITEN BEITRAG
("Christologie und neutestamentliche Chronologie"/1972) geht H. einer "Aporie in der Geschichte des Ur-
christentums" nach, die für ihn darin besteht, dass zwischen "dem Tode Jesu und der voll entfalteten Christo-
logie, wie sie in... den paulinischen Briefen, begegnet... ein zeitlicher Zwischenraum (besteht), der... als er-
staunlich kurz bezeichnet werden muß" (29). Er kommt aber zu dem Ergebnis, dass bereits "die Wirksamkeit
und Verkündigung Jesu... Ansätze zu einer expliziten Christologie" (48) enthielten, so dass der "Grundbestand
der sogenannten 'vorpaulinischen' Christologie... (wahrscheinlich) bereits bei der Bekehrung des Paulus" vor-
lag (50).

Im DRITTEN BEITRAG ("Ist der Osterglaube noch zu retten?"/1973) geht H. von einer kritischen Ausein-
andersetzung mit Rudolf Pesch und dessen vorrangigem Bezug auf den historischen Jesus sowie der Zurückwei-
sung jeglicher Parallelisierung der Auferstehung Jesu Christi mit etwaigen Geschehnissen um Johannes den Täu-
fer und anderen antiken Gestalten aus, betont die im Judentum zur Zeit Jesu selbstverständliche Vorstellung ei-
ner die Revitalisierung des menschlichen Körpers betreffenden Auferstehungsvorstellung sowie insbesondere
die Bedeutung der biblischen Erzählungen von den Erscheinungen des Auferstandenen. Unser Glaube - so H.
- gründet mithin "nicht auf unmittelbarer 'Offenbarung', sondern auf dem 'einzigartigen' apostolischen Zeugnis"
von der Auferstehung Jesu Christi (70f). "Ohne das 'Widerfahrnis' der Auferstehung Jesu (nämlich) würde der
ungeheure dynamische Impuls in der Urgemeinde der ersten zwei bis vier Jahre vor der Berufung des Paulus
unverständlich" (71). Der VIERTE BEITRAG ("Der Sohn Gottes"/21977) ist recht umfangreich und disku-
tiert die Hintergründe der Titulation Jesu Christi als des Sohnes Gottes. Dabei sieht H. die Wurzeln dieser Ti-
tulatur im jüdischen Sprachgebrauch und in den dort damit "verbundenen Denkmodelle(n) der Präexistenz,
Schöpfungsmittlerschaft und Sendung in die Welt" (117). Heute sei der Titel "Sohn Gottes... zu einer festste-
henden, unverlierbaren Metapher der christlichen Theologie geworden..., (die) sowohl den Ursprung Jesu in
Gottes Wesen, d.h. seiner Liebe zu allen Geschöpfen, seine einzigartige Gottverbundenheit wie seine wahre
Menschlichkeit" aussage (145).

Im FÜNFTEN BEITRAG (1980) wendet sich H. noch einmal explizit dem stellvertretenden Sühnetod Je-
su zu und fragt danach, wie dieser Glaubensgegenstand als urchristliches Kerygma entstanden ist. Oder anders
gefragt: "Wie erhielt die Kreuzigung Jesu ihren Platz in der Mitte der frühchristlichen Predigt?" (146). An
Hand zahlreicher Beispiele macht H. deutlich, dass nicht "nur der selbstgewählte Heldentod als Weg zur Apo-
theose 'per aspera ad astra' und das Motiv des stellvertretenden Sterbens für andere aus Liebe, sondern auch
die Vorstellung eines freiwilligen Todes als sühnendes Opfer... dem heidnischen Hörer des Evangeliums in
seiner Weise durchaus vertraut" war (154). Wenn hier grundsätzliche Verstehensschwierigkeiten auftauchten,
so beträfen diese "nicht die antiken, jüdischen oder heidnischen Hörer, sondern uns als Menschen der Neuzeit"
(154). Nach gründlicher Detaildiskussion kommt H. zu dem Ergebnis, dass "die Botschaft vom heilbringenden
Tod des Messias Jesus von Nazareth als 'Sühnopfer' für unsere Sünden... sich mit einiger Wahrscheinlichkeit
auf das für uns so schwer durchschaubare 'gemeindegründende Urgeschehen' selbst zurückführen" lasse (178).
Denn erst die Begegnung mit dem Auferstandenen habe für die Jünger die Bestätigung jenes messianischen
Anspruchs enthalten, der ihn ans Kreuz gebracht hatte. "Zugleich hatte ihn Gott durch die Auferweckung als
den einzig Schuldlosen, 'der keine Sünde kannte' (2. Kor 5,21), erwiesen" (179).

Der SECHSTE BEITRAG ("Hymnus und Christologie"/1980) erörtert die hohe Bedeutung von Christushym-
nen in urchristlichen Gottediensten: "Es wurden darin das Werk des Christus, vor allem sein Tod, dessen Heils-
wirkung, seine Erhöhung und... in einer späteren Traditionsstufe auch seine Präexistenz, Schöpfungsmittlerschaft
und Menschwerdung erzählt" (196). Damit hatten die Hymnen wesentlichen Einfluss auch auf die "Lehre von
Christus", also die Christologie. Auch der SIEBTE (wiederum sehr ausführliche) BEITRAG (1987) behandelt
das Christuslied im frühesten Gottesdienst. Hier wird deutlich, dass "etwa seit der Wende vom 1. zum 2. Jahr-
hundert der freie Gesang von Liedern im Gottesdienst... allmählich eingeschränkt (wird), weil die 'häretischen'
Gruppen hier in ganz besonderer Weise produktiv waren" (216); stattdessen zieht man sich auf die alttestament-
lichen Psalmen zurück, die ihrerseits dann oft auf Christus hin interpretiert werden. Aus der Zeit vor dem 4./5.
Jahrhundert sind uns deshalb keine christlichen Liedersammlungen und nur ganz wenige Lieder bzw. Liedfrag-
mente erhalten. Erst ab dieser Zeit gibt es "Sammlungen kunstvoller Hymnen(, die) durch Gregor von Nazianz
und Synesios von Kyrene und in lateinischer Sprache durch Hilarius, Ambrosius und Prudentius erhalten ge-
blieben" sind (222). Die wirklich große Zeit neuer christlich-byzanthinischer Hymnendichtung beginnt freilich
erst im 6. Jahrhundert.

Der ACHTE BEITRAG ("Jesus, der Messias Israels"/1990) beschäftigt sich mit dem Streit um die Frage, in-
wieweit dem historischen Jesus selbst ein messianisches Sendungsbewusstsein zuzuschreiben ist. Der seit Willi-
am Wredes Untersuchung "Das Messiasgeheimnis in den Evangelien" (1901) weithin verbreiteten These, dass
"das Messiasgeheimnis im Markusevangelium als eine apologetische Konstruktion des Evangelisten" anzusehen
(263) und mithin zumindest von einer expliziten Messias-Titulation beim historischen Jesus nicht auszugehen
sei, tritt H. massiv entgegen. Das Messias-Verständnis sei inhaltlich sehr weit gefächert und mit dem Menschen-
sohnverständnis eng verknüpft gewesen. Dass es im Mk-Evangelium so explizit in den Kontext der Passion ge-
stellt werde, sei ohne einen entsprechenden historischen Hintergrund nicht denkbar. Im übrigen lasse sich aus
der (enthusiastischen, ekstatischen und leidenschaftlichen/278) Verkündigung Jesu ein explizites messianisches
Sendungsbewusstsein sehr wohl herauslesen, auch wenn uns dieses heute in in vielem fremdartig, ja ärgerniser-
regend erscheine (280). Der NEUNTE (erneut sehr ausführliche) BEITRAG ("Setze dich zu meiner Rechten!"/
1992) thematisiert die Inthronisation Jesu Christi zur Rechten Gottes. Diese im apostolischen Glaubensbekennt-
nis als Höhepunkt und vorläufiger Abschluss der dramatischen Geschichte um Jesus Christus formulierte Aussa-
ge steht hier in klarem Gegensatz zu dem zuvor betonten Abstieg in das Reich des Todes. Unterstrichen wird
dieser Gegensatz noch durch den Zusatz "patris omnipotentis" (des allmächtigen Vaters), der als Herrlichkeits-
prädikat gesehen werden darf. Gleichwohl scheint der Aussage von frühen Kirchenvätern - wohl aufgrund der
räumlichen Metaphorik - auch mit Widerständen begegnet worden zu sein, weswegen die Formel möglicherwei-
se in östlichen Bekenntnissen des 3. und 4. Jahrhunderts zum Teil fehlt (285). Im Hintergrund dieser Aussage
scheint jedenfalls Psalm 110,1 zu stehen, welcher an verschiedenen Stellen des Neuen Testamentes aufgenom-
men wird. Auch an anderen Stellen des Alten Testamentes ist von einer entsprechenden Inthronisation von Mär-
tyrern und Frommen die Rede, ja selbst die Weisheit gilt als Throngenossin Gottes. Der ZEHNTE BEITRAG
(1999) behandelt "die Throngemeinschaft des Lammes mit Gott in der Johannesapokalypse" und vertritt die
These, "daß die Johannesapokalypse... mit einer bildhaften, älteren Form der Christologie diese Deutung des
Sohnes in seinem Verhältnis zum Vater vorbereitet" (369).

Im ELFTEN BEITRAG ("Das Begräbnis Jesu bei Paulus und die leibliche Auferstehung aus dem Grabe"/
2002) betont H. - gegen Crossan und andere - und mit ausführlichem Bezug auf Paulus die Tatsächlichkeit des
Begräbnisses Jesu und des leeren Grabes. Die Auffindung des leeren Grabes Jesu am dritten Tag sei natürlich
kein Beweis seiner Auferstehung; der Umstand aber, dass das Grab Jesu nicht leer gewesen wäre, hätte jeder
Vorstellung und damit auch Verkündigung einer leiblichen Auferstehung Jesu Christi in der damaligen Zeit wi-
dersprochen. Der ZWÖLFTE BEITRAG (2004) beschäftigt sich mit dem "letzten Abendmahl" Jesu Christi,
und zwar in der Darstellung des Paulus (1 Kor 11,23-25). Dass die Nacht dieses Mahles die Passanacht war, ist
für H. sicher und ergibt sich aus einer Reihe von detailliert beschriebenen Indizien. Im DREIZEHNTEN und
abschließenden BEITRAG (2004) widmet H. sich der Verwendung der Worte "Abba", "Maranatha" und "Ho-
sanna" in den Anfängen der Christologie. H. interpretiert die Übernahme zumindest der beiden ersten nicht-
griechischen Ausdrücke in die Texte des Neuen Testamentes als sprachlichen Ausdruck für eine "trotz aller hef-
tigen Auseinandersetzungen des Paulus in Jerusalem, Antiochien, in: (Süd-) Galatien und in Korinth - letzte
Einheit zwischen judäischer Urgemeinde und den immer stärker 'heidenchristlich' werdenden Missionsgemein-
den paulinischer und anderer 'apostolischer' Prägung" (506). Im Anschluss an die klassische Arbeit von Jere-
mias hält H. daran fest, dass die Abba-Anrede Gottes durch Jesus weitgehend singulär und damit charakteris-
tisch für das Gottesverhältnis Jesu ist.

Im Ganzen begegnen wir mit diesem Band einer chronologisch geordneten Sammlung von Schriften zur früh-
kirchlichen Christologie, die aufgrund ihrer hohen Qualität und soliden Argumentation trotz ihres teilweise be-
reits fortgeschrittenen Alters von bis zu 40 Jahren große Bedeutung auch für die gegenwärtige wissenschaftli-
che Diskussion besitzen.

Herbert Frohnhofen, 1. April 2007