Klaus BERGER, Jesus, München 2004;
Ein wahrhaft imposantes Jesus-Buch, das hier von Klaus Berger vorgelegt wird. Es umgreift die gesamte Themen-
palette, die sich heute um den Gott-Menschen Jersus Christus rankt und will doch bewusst populär sein. Es zielt
darauf, die Person Jesu den Menschen unserer Tage nahezubringen. Und dies gelingt dem Autor. Klar strukturiert,
mit einem Blick für das Ganze und gelehrt in den Details, ohne dies in Fussnoten eigens auszuweisen.

Allerdings - manches bleibt auch kritisch anzumerken: Viel zu undifferenziert erscheinen etwa die Angriffe gegen
"die moderne Exegese",
die angeblich "glaubt, Jesus, ihren Gegenstand, unter Ausschluss von Mystik begreifen zu
können, weil sie überhaupt hilflos vor den Kategorien Mystik und mystischer Erfahrung steht"
(68). Darf man das
so pauschal sagen, ohne ungerecht zu sein und als Wissenschaftler unglaubwürdig zu werden? Sicher nicht. Und:
Gegen wen oder was lehnt sich der Autor hier auf? Wen oder was verfolgt er genau?

Berger selbst versteht unter Mystik "etwas Objektives, das freilich weder allgemein zugänglich noch objektiv nach-
prüfbar oder wiederholbar ist. Mystik geht von der begründeten Annahme aus, dass die Wirklichkeit umfassender
ist als sie (natur-)wissenschaftlich feststellbar ist. Mystik ist die Definition der Welt unter Einschluss der Existenz
Gottes und der Annahme der Möglichkeit von Interaktion mit allen 'Personen' und Mächten der unsichtbaren Welt.
Mystik geschieht Tag für Tag millionenfach, wenn Menschen beten, an Erhörung der Gebete glauben, wenn sie sich
im Leben geführt, geschützt und getröstet wissen"
(68). Ja und, möchte man antworten, ist das alles? Ist Mystik im-
mer dann schon gegeben, wenn etwas mithilfe der etablierten Natuwissenschaften nicht erklärbar ist? Dann ist sehr
sehr vieles Mystik, sehr sehr vieles auch, was mit (christlichem) Gottesglauben nun wirklich überhaupt nichts zu
tun hat. Ob es tatsächlich die Absicht Bergers ist, den Mystik-Begriff dermaßen zu dehnen und damit weitgehend
zu entleeren?

Am problematischsten freilich ist die - nicht nur in diesem Buch - verschiedentlich aufblitzende Polemik gegen die
systematische ("dogmatische") Theologie; markiert diese doch genau, wo die Schwachstelle der berger'schen Theo-
logie liegt. Sie sucht an nicht wenigen Stellen, systematisch-theologische Fragestellungen zu bearbeiten, ohne sich
aber auf das dazu notwendige Niveau zu begeben. So schlägt es beispielsweise sehr negativ zu Buche, dass Berger
nur mit den geläufigen Plattitüden über die Anselm'sche Satisfaktionstheorie spricht (313f) und wichtige aktuelle
Literatur dazu offenbar nicht kennt; einer angemessenen Antwort auf die von ihm selbst gestellte Frage nach der
Notwendigkeit des Todes Jesu kommt er deshalb nicht wirklich nahe. Völlig ungeklärt ist auch die Verwendung
des Begriffs des "Magischen" (404f). Muss man tatsächlich Jesus, um ihn nicht als bloßen Humanisten zu betrach-
ten, zum "Magier" machen? Da gäbe es bei Verwendung einer präziseren Begrifflichkeit sicherlich auch andere
Möglichkeiten. Auffällig ist auch, dass der Autor sich selbst im Zusammenhang der Diskussion exegetischer Theo-
rien (etwa des Messiasgeheimnisses) zu scharfer Polemik hinreißen lässt und damit eine differenzierte Auseinander-
setzung gerade verhindert (316f).

Herbert Frohnhofen, 1. Oktober 2005