E. HERMS (Hg.), Leben. Verständnis - Wissenschaft - Technik. Kongreßband des XI.
Europäischen Kongres
ses für Theologie 15.-19. September 2002 in Zürich, Gütersloh 2005;

In der Einleitung dieses umfangreichen Kongressbandes legt der Herausgeber dar, dass "die herkömmliche Vielstimmigkeit"
der evangelischen Theologie in den letzten Jahren des ausgehenden Jahrtausends "vielleicht noch zugenommen" habe, diese
aber von dem von unten gewachsenen Konsens umgriffen sei, dass Theologie "eine praxisleitende Erfahrungswissenschaft"
sei. Dieser neugewonnene Konsens im Selbstverständnis evangelischer Theologie habe im Thema des ersten Kongresses des
neuen Jahrtausends zum Ausdruck kommen sollen; das "war der eine Grund für die Wahl des Themas 'Leben'". Doch auch
die "Sache der Theologie und der Fokus des öffentlichen Bewußtseins konvergieren im Thema 'Leben'. Das war der andere
Grunfd für seine Wahl"
(9).

Der erste Teil des Buches - "Hauptvorträge" überschrieben - enthält sodann ein buntes Kaleidoskop von interdisziplinä-
ren Stellungnahmen zum Thema "Leben". Grundsätzliches über die Bedeutung von Wissenschaft zur Lebensorientierung
und zum biblischen bzw. christlichen Verständnis von Leben ist hier ebenso enthalten wie eine ganze Reihe von Beiträgen,
die das Thema "Leben" aus einzelwissenschaftlicher, insbesondere naturwissenschaftlicher Perspektive fokussieren. JÜR-
GEN RENN argumentiert z.B. eingangs, dass die von der Wissenschaft zu leistende Lebensorientierung sich messen lassen
muss an dem, was Religionen jahrtausendelang für die Menschheit geleistet haben, "nämlich der Gesellschaft ein Bewußt-
sein ihrer selbst zu geben und dem Individuum Partizipation am Gattungsschicksal zu ermöglichen"
(15). JÜRGEN
BECKER erläutert das biblische Verständnis des Lebens vor allem unter den Perspektiven der Geschöpflichkeit, der
menschlichen Sonderstellung und der Qualität des Lebens sowie der zuletzt aufscheinenden transmortalen Vollendung
des Lebens. JOHANNES FISCHER schließlich macht darauf aufmerksam, dass Leben aus christlicher Perspektive ur-
sprünglich ein Gottesprädikat ist, dass Gott aber "seinen Geschöpfen an seinem Leben teilgibt. Alles, was lebt, lebt eben
dadurch, daß es an Gottes Lebensfülle teilhat"
(139).

Der zweite, weitaus umfassendere Teil des Buches versammelt die Ergebnisse von Fachgruppenveranstaltungen. Hier
finden sich Detailarbeiten zu Perspektiven auf das menschliche Leben sowohl aus biblischem und kirchenhistorischem
als auch aus systematischem und praktischem sowie zuletzt religions- und missionswissenschaftlichem Hintergrund. SA-
MUEL VOLLENWEIDER z.B. betrachtet neutestamentliche Perspektiven auf Lebensfülle und Lebensminderung, die
jeweils kontrapunktisch zum Tod (als dem menschlichen Sterben im allgemeinen oder dem Tod Jesu Christi im beson-
deren) ausformuliert werden. BERND JANOWSKI meditiert die einschlägige Bildersprache und deren Aussage in den
Psalmen und JAMES ALFRED LOADER die das Leben ordnende Lebensgestaltung als weisheitliche Lebensverant-
wortung. MARTIN RÖSEL formuliert anthropologische Akzentsetzungen in der Septuaginta, ANGELIKA REI-
CHERT das Verständnis des Todes bei Paulus.

In der kirchengeschichtlichen Abteilung diskutiert VOLKER HENNING DRECOLL den Umgang mit dem ungebo-
renen Leben in der Alten Kirche und kommt hierbei zum Ergebnis, "daß es im Christentum der Alten Kirche keine
schlüssige und kohärente Auffassung vom ungeborenen Leben gegeben hat. Vor allem fällt die Differenz auf, daß
die Abtreibung weitgehend abgelehnt wurde, die im gleichen Alter verstorbenen Föten jedoch nicht in besonderer
Weise als Problem der Bestattungspraxis oder Seelsorge in den Blick kamen"
(339f). Die Totentänze des Spätmit-
telalters stellt ANDREAS MÜHLING als Herausforderungen dar, die nur durch ein Leben bestanden werden kön-
nen, das "von Umkehr und Buße geprägt und von einer intensiven Vorbereitung auf das eigene Sterben charakteri-
siert ist"
(351).

In der systematisch-theologischen Abteilung diskutiert MICHAEL MURRMANN-KAHL Perspektiven auf das Le-
ben, die Natur und die Freiheit, die sich aus der anhaltenden Diskussion um den freien Willen ergeben; MICHAEL
SCHIBILSKY beschreibt die Theologie als Ars vivendi. ULRICH H.J. KÖRTNER stellt sozialehtische überlegun-
gen zur aktuellen Biopolitik vor und ELISABETH GRÄB-SCHMIDT diskutiert die Auswirkungen der Technik
auf unser Verständnis von Leben. Schließlich spielen in der praktisch-theologischen Abteilung der Segen und die
Scham des Menschen sowie in der religionswissenschaftlichen Abteilung buddhsitische Stellungnahmen zu Eutha-
nasie und Organtransplantation sowie das Verständnis von Leben in der modernen Esoterik eine sehr wichtige Rol-
le. Im Ganzen gibt das Buch einen Einblick in die bunte Vielfalt von theologischen Zugangsmöglichkeiten zum
Begriff des Lebens; und es beweist auf diesem Weg - wenn auch nicht, dass Theologie eine "praxisleitende Erfah-
rungswissenschaft" sei, so doch, dass in ihr in hohem Maße auf aktuelle und historische Deutungen des Lebens
aus anderen Wissensbereichen aktiv zugegangen wird. So wird das Buch zu einer wahren Fundgrube für interes-
sante Darstellungen aus der Theologischen Anthropologie.

Herbert Frohnhofen, 11. Juni 2006